Mittwoch, 18. Januar 2012
pastiz am 18.Jan 12, 15:29 im Topic
Afrika
Episode 5: Chez Jeanette oder göttliche Worte, Hühnerknochen und eine Meute Hunde
„Sie kocht vorzüglich“, hatte der Abbé gesagt, „ihr werdet sehen. Aber vorher werde ich eine Messe für die Gemeinde lesen, kommt, wenn ihr wollt“. Dann hatte er sich umgewandt und einige Grussworte über die Schulter zurückgerufen und war die Strasse hinuntergeeilt, wo am Rand der Siedlung die Mission stand.
Um einen nebensächlichen Ton bemüht hatte Herr Pastiz Frau Motzle berechnend flüchtig zwischen der farbenfrohen Schilderung des schönen Teichs und derjenigen der aufregenden Begegnung mit dem Honigmädchen von der Einladung berichtet, in der Hoffnung, dass diese im bunten Potpurri der pastiz’schen Abenteuer unterginge und unbeachtet in den Papierkorb des weiblichen Erinnerungsvermögens fiele. Denn sie unerwähnt zu lassen, schloss er weniger aufgrund seiner Ehrlichkeit als vielmehr instinktiv aus, denn nähme der Abbé dazu Rücksprache, fiele diese Auslassung unweigerlich auf ihn zurück. Er flocht die vom Abbé anberaumte spätnachmittägliche Messe in einem grautönigen Zwischenbericht zwischen Wortmalereien, wie der Seifenschaum in zähen Flocken olivenschwarze Brustwarzen umflossen hätte und von den grossen treuherzig glänzenden Augen seiner beiden kleinen Begleiter, über deren runde Wollköpfe seine Hände gestrichen wären.
In all dem vorgetragenen Kunterbunt war entgegen der Hoffnung des Herrn Pastiz die weniger farbenreiche Erwähnung der Messe nicht untergegangen, sondern im Gegenteil laut und deutlich herauszuhören gewesen. Frau Motzle wartete mit der ihr eigenen Geduld das Ende des Redeflusses ab und sagte, ohne auf den Seifenschaum oder gar die runden Knopfaugen zurück zu kommen:
„Wir gehen hin, denn das ist keine Frage des Glaubens, sondern eine der Höflichkeit!“
Am späteren Nachmittag versammelten sich die Gläubigen unweit der schäbigen Gebäude, welche die Mission ausmachten und wo die zwei jungen Priester sowie Abbé Pierre je ein karges Zimmer bewohnten.
Herr Pastiz und Frau Motzle wussten nicht, wo der Abbé die Messe würde abhalten wollen und waren deshalb schon frühzeitig gekommen. Sie fanden ihn im Büro, wo vor dessen offener Tür noch immer eine Handvoll Ratsuchende im Hof hinter der Absperrung warteten. Der Abbé sass hinter seinem Arbeitstisch und setzte einem Mann in zerschlissener Kleidung den Inhalt einiger fleckiger Dokumente auseinander, die vor ihnen lagen.
Er blickte kurz über seine breitrandige Brille und hiess die beiden Ankömmlinge, sich draussen auf eine Bank zu setzen und auf ihn zu warten. Der Tonfall seiner Stimme klang ungewohnt geschäftlich und glich eher einem Befehl als einer Bitte. Herr Pastiz, der beim Hinausgehen nochmals einen Blick über die Schulter auf den Abbé geworfen hatte, setzte sich neben Frau Motzle auf die wacklige Holzbank.
Nach einer Weile, wärend derer die beiden Weissen schweigend nebeneinander sassen und den Wartenden und dem gedämpften Singsang ihres Gesprächs zuhörten, durchschnitt ein blechern klingendes Glöcklein das Gemurmel der Männer, die sich ohne dass sie die Ratschläge des Abbé in Anspruch noch hätten nehmen können, zerstreuten. Kurz danach trat der Abbé vor die Tür und verabschiedete den Mann mit den Dokumenten, der sich unter vielen Verbeugungen beim Abbé bedankte und diesem die Hand küsste.
"Die Messe findet gleich da drüben auf dem Feld statt", sagte der Abbé und lächelte mild, "geht schon vor, ich muss mich noch umziehen!"
Die Menschen kamen einzeln oder in kleinen Gruppen leise von allen Seiten her und da es nur eine unbefestigte Strasse gab, die vom Zentrum Pôs hierher führte, schienen die, die nicht auf ihr kamen, wie unvermittelt aus einer der dichten Buschhecken oder aus dem nahen Unterholz aufzutauchen. Dann standen sie weit verteilt da oder hockten sich in das gelbe, verbrannte Gras nieder und warteten schweigend, als kennten sie einander nicht. Die meisten waren Alte und Frauen mit Kindern an ihrer Seite und auf dem Rücken, arme Bauern, die ihr kärgliches Leben einigen steinigen Hirsefeldern abrangen.
Einige Männer, auch jüngere fanden sich ein, deren gottesfürchtige Inbrunst ihnen im Gesicht geschrieben stand. Auf den meisten Gesichtern allerdings und besonders auf denjenigen der Frauen konnte Herr Pastiz kaum etwas anderes als grosse Müdigkeit ausmachen, die dieser freudlosen Erschöpfung glich, welche Gefühle frisst und den Blick hohl macht und das Bewusstsein leer. Wenn es nicht die göttliche Leidenschaft war, was trieb sie dann hierher? Kein Gott, auch kein lieber Gott, kein Gebet oder Rosenkranz würde ihnen die Last der schweren Feld- und Hausarbeit abnehmen, die ihre glänzenden Körper unaufhaltsam binnen weniger Jahre austrocknete und knochig werden liess, sobald sie die Frau eines Mannes geworden waren. Hofften sie hier auf Erlösung oder wenigstens auf ein Versprechen dafür? War es der kurze Urlaub von der täglichen Rackerei, die sie am Ende eines solchen Tages in die Hände anderer weiblicher Familienmitglieder, einer schon grösseren Tochter, einer Schwester oder Schwägerin legen konnten? Oder schöpften sie tatsächlich Kraft aus dem Ritual, das ihnen die Fremden gebracht hatten und nicht besser war als das ihrer Ahnen. Dachten sie überhaupt darüber nach?
Endlich tauchte der Abbé auf, gefolgt von seinen beiden jungen Assistenten. Sie waren in weisse, bodenlange Gewänder gekleidet. Der Abbé schritt gemessenen Schrittes voran. Seine Hände umfassten eine dicke Bibel, die er mit ehrfürchtig gesenktem Kopf vor sich hertrug. Er legte sie auf einem kleinen bereit stehenden Tisch und schlug sie auf. Dann verharrte er einige Augenblicke, während seine beiden Helfer sich etwas zurückversetzt an seine Seite stellten. Die Menge schaute auf ihn. Diejenigen, die auf der Erde gehockt waren, hatten sich erhoben. Nur die ganz Alten, die ihre Kräfte für den Heimweg aufsparen mussten, blieben sitzen.
Der Abbé hob den Blick und schaute auf den Horizont. Die Messe begann.
Auch Frau Motzle hatte ihre Hände gefaltet und den Blick gesenkt. Herr Pastiz tat es ihr nach, so wie einer, der auf seinen Nachbarn schaut, weil er die Regeln nicht kennt. Wohl war er ein oder zwei Mal von den Mienkiewicz, bei welchen er zu Mittag ass, als er noch zu jenen Kindern gehört hatte, die mit einem Schlüssel um ihren Hals leben, zu einem Gottesdienst in der Dorfkirche von Zwingen mitgenommen worden, aber den Zugang zu dem Ritual oder gar zu einem lieben Gott hatte er nie gefunden.
Herr Pastiz schaute in die Runde der Menschen, die mit leeren Gesichtern und tonlosen Stimmen in den Eröffnungsgesang einstimmten, mit welchem der Abbé die Messe begann. Nur bei denjenigen, die bereits bei der Ankunft eine weit sichtbare Gottesfurcht im Ausdruck getragen hatten, war eine Veränderung eingetreten. Sie hatten ihr Gesicht himmelwärts gerichten und hielten ihre Augen fest verschlossen und ihre Hände krampfhaft gefaltet.
Allen Verheissungen, Tröstungen und Fürbitten zum Trotz hing etwas Bedrückendes wie ein Nebel über der Gemeinde. Es war nicht auf den erten Blick erkennbar, doch spiegelte es sich in den Mienen der Gläubigen und auch in der des Abbés wider. Der Abbé erschien wie ein anderer Mensch, den Herr Pastiz bisher noch nicht kennen gelernt hatte: Seine fröhliche Art, sein schelmischer Ausdruck, sein Witz und seine Liebe zum Leben, wo war all dies geblieben? Er schien konzentriert und doch wirkte er mehr freudlos als ernst. Sein Gebaren hatte sich demjenigen der armen Bauern angeglichen, die um ihn herum standen und in ebenso monotonem Gemurmel das Glaubensbekenntnis ablegten, wie er selbst es vortrug. Lag es am Ritual? War der Abbé im Messgewand derselbe wie der im bunten afrikanischen Kleid, der mit Charme und Scherzen junge Schwestern erröten liess und wer war der Abbé mit der schnittigen Schiebermütze, die er während seiner winterlichen Frankreichreisen trug?
Die flach am Himmel stehende Sonne hatte die Schatten länger werden lassen, als der Abbé zum Schluss zum gemeinsamen Vaterunser aufforderte. Bewegung kam in die lethargische Menge, so als bedeutete dieses die Erlösung von dem bedrückenden Etwas über ihren Köpfen. Frau Motzle stimmte in das Gebet ein. Die Gottesfürchtigen waren auf die Knie gesunken. Herr Pastiz schwieg. Die Menge murmelte. Amen. Der Abbé klappte die dicke Bibel zu.
Die Gläubigen zerstreuten sich in kleinen Gruppen oder einzeln einer nach dem andern und verschwanden im Unterholz, im Grasland oder über die unbefestigte Strasse so unauffällig, wie sie hergekommen waren. Herr Pastiz und Frau Motzle standen noch eine Weile ratlos da, bevor sie sich entschlossen, dem Abbé und seinen Gehilfen nachzugehen, die bereits hinter dem Tor zur Mission verschwunden waren. Sie setzen sich wieder auf die wacklige Bank und warteten.
Es war eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang als sie dem Capitaine begegneten, der mit einer alten Maschinenpistole über der Schulter auf dem Heimweg von der nahe gelegenen Kaserne war. Der Abbé begrüsste ihn wie einen alten Freund und stellte ihn Herrn Pastiz und Frau Motzle vor. Dem Capitaine rutschte die Waffe von der Schuler, die er an einem Lederriemen trug, als die Hand zum Gruss ausstreckte. Umständlich rückte er sie zurecht und lächelte verlegen. Die alte Uniform, vom vielen Waschen ausgebleicht, schlotterte ihm um den Körper und die Waffe – eine AK47 - schien so alt, dass sie aus der ersten Reihe der vorfunktionsfähigen Prototypen des Herrn Kalaschnikow hätte stammen können. Sein ovales Gesicht hatte weiche Züge und seine Augen, die nicht zu seiner zur Schau gestellten militärischen Seite passen wollten, waren klar und offen.
Herr Pastiz wusste, dass der Abbé keine grundsätzliche Abneigung gegen Uniformen verspürte, war dieser in jungen Jahren doch selbst Soldat oder vielmehr Feldprediger gewesen. Während dieser Zeit war er nahe an das Machtzentrum des noch jungen Burkina Faso herangekommen und hatte auch den revolutionären Thomas Sankara und dessen politischen Gefährten und späteren Widersacher Blaise Compaoré persönlich gekannt.
Obwohl kaum ein Dutzend Jahre vergangen waren, schien diese unruhige Zeit im Dunkeln zu liegen, denn der Abbé sprach nie darüber.
Frau Motzle wusste allerdings noch von ihren früheren Begegnungen mit dem Abbé einige Bruchstücke aus dessen Leben: Dass er die Eltern früh verloren und er sich um seinen einige Jahre jüngeren Bruder Fernand gekümmert hätte, bevor ihm über einige Umwege und mit Hilfe katholischer Geistlicher aus dem Elsass, unter anderen auch des Monsieur le Curé des Heimatdorfs der Frau Motzle, ein Stipendium gewährt und das Studium der Theologie in Frankreich ermöglicht worden war.
Sie hatte ihn einige Jahre zuvor in Gilungu, einer Region nördlich von Ouagadougou besucht, wo er vor seiner Versetzung in's Buschland um Pô gelebt hatte. Mit einem eigenen Koch, der nicht nur einfach etwas Essbares auf den Tisch bringen konnte, sondern ein begnadetes Talent war. Dieser hätte ihn allerdings verlassen, um in der Herzkammer Burkina Fasos, nämlich in der Hofküche des Monsieur le Président Campaoré zu dienen und Karriere zu machen.
"Ach, dort war das Land schön und er war glücklicher als hier", schloss Frau Motzle ihren Bericht.
Ob er denn nicht mithalten wolle, fragte der Abbé den Capitaine und wies auf den Grilltisch, der vor der Bretterbude stand, auf der auf einem verwitterten Stück Holz "Chez Jeanette" stand.
Der Capitaine schielte nach den duftenden Perlhühnern, machte einige Ausflüchte, welche die Höflichkeit gebot, bevor er händeringend einschlug und um einige Minuten bat, in welchen er sich umziehen und die Waffe im Haus unter Verschluss bringen wollte. Der Abbé schien wieder gänzlich unter den Irdischen zu sein und war in bester Laune, als habe er am Ende des Gottesdienstes mit seinem Messgewand nicht nur die für das Ritual unabdingbare priesterliche Demut, sondern auch ein anderes Ich abgelegt. Mit einem schalkhaften Lachen stimmte er dem Vorhaben des Soldaten zu und hiess Herrn Pastiz und Frau Motzle, es sich an einem der niedrigen Tische auf tiefen, hölzernen Fauteuils bequem zu machen. Ein junges Mädchen brachte eisgekühltes Sobebra [Biermarke in Burkina Faso], das es einem schiefen von einem Dieselgenerator gespeisten Kühlschrank entnommen hatte, der laut vor sich herschnurrte.
„A votre santé“, rief der Abbé und nahm einen tiefen Schluck, den er mit einem glücklichen Seufzer abschloss. Die Kohlensäure prickelte in seiner Nase und trieb ihm eine Träne in die Augen, die er mit dem Rücken seiner freien Hand abwischte.
„A la votre!“ sagte auch der Capitaine, der in einem traditionellen Kleid zurückgekommen war.
Herr Pastiz fühlte sich wie bei einer Premiere: Ein Soldat, ein Priester und gebratene Perlhühner als Tischgenossen unter freiem Himmel am Ende der Welt. Er hob seine Flasche und stiess mit dem Abbé und dem Capitaine an.
Das Tageslicht reichte gerade noch, um zu erkennen, was Jeanette auf der grossen Platte angerichtet hatte, die sie mit gurgelnder Fröhlichkeit auf den Tisch stellte. Die Perlhühner dufteten herrlich und das Wasser lief allen im Munde zusammen.
"Allons-y, attaquons les poulets!" rief der Abbé. Er rutschte nach vorne auf die Stuhlkante und griff als erster in die Platte. Die andern liessen sich nicht zweimal bitten und fischten jeder mit den Fingern ein Stück aus der würzigen Sauce aus Zwiebeln, Knoblauch, Tomaten und Mayonnaise. Vielleicht waren es die einfachen Speisen, die bislang auf den Tisch gekommen waren, vielleicht auch der friedfertige Ort und die Gesellschaft, der Appetit oder das schnell schwindende Abendrot am Horizont des Graslands, was in Hern Pastiz die Überzeug wachsen liess, er hätte noch nie in seinem Leben Huhn in einer so köstlichen Zubereitung genossen. Der Abbé hatte wirklich nicht zuviel versprochen, und wenn die armen Hühner gewusst hätten, welche transzendente Sphären sie im Verlauf ihres letzten Tages erreichen würden, hätten sie der Köchin mit Sicherheit weniger gegrollt, als diese ihnen den Hals umdrehte.
Herr Pastiz leckte die Sauce von seinen Fingern, als die Nacht so plötzlich vom Himmel fiel, als wäre sie ein riesiger schwarzer Mantel, der über das Grasland geworfen worden wäre.
Eine kleine Pfunzel an der Bretterbude warf einen spärlichen Schein auf einen kleinen Umkreis, der gerade ausreichte, um die ein- und ausgehenden Leute als dunkle Schatten auszumachen. Der Tisch der Esser aber stand in völliger Finsternis.
Die Unterhaltung war dem zum Trotz immer lebhafter geworden. Lachen und Kichern stiegen über dem Tisch in die mondlose Nacht hinauf. Der Abbé hatte soeben zu dem Witz über den Bauern angesetzt, der von seinem ersten Besuch in Ouagadougou in sein Dorf zurückgekehrt war, als ein zischendes "pfft" das Mädchen verriet, das lautlos wie eine Katze durch die Dunkelheit an den Tisch geglitten war, und die Flaschen der nächste Runde Bier öffnete.
"Hört zu", sagte der Abbé und kicherte erneut, "der Bauer kommt zurück in sein Dorf und erzählt, wie freundlich die Menschen in der Stadt seien. Er wäre mit seinem Karren der langsamste gewesen und doch hätten sie an jeder Strassenkreuzung auf ihn gewartet, und wären erst wieder losgefahren, als er sie erreicht hätte." Bei diesen Worten lachten der Capitaine und der Abbé laut auf.
"Der arme Mann hatte noch nie Ampeln gesehen", erläuterte der Abbé unter Glucksen den begriffstutzigen Weissen die Pointe.
Herr Pastiz legte den abgenagten Knochen sorgsam tastend vor sich auf den Tisch, als er ein leises Schnauben an seiner Wange verspürte. Neben und hinter ihm raschelte und knackte es. Lag nicht bereits ein kleines Häufchen Knochen vor ihm auf dem Tisch? Er tastete danach, aber da war nichts.
"Hunde", rief der Abbé belustigt auf die besorgte Frage des Herrn Pastiz, dass irgendwas um den Tisch schliche und an sein Ohr schnaube.
Wieviele es waren, konnte Herr Pastiz nicht erkennen. Aber sie waren vorsichtig und scheu, kamen den Menschen nie zu nahe, denn sie wussten, dass ihnen von dieser Seite häufig nur Schläge drohten.
Herr Pastiz ertastete ein weiteres Stück aus der Schüssel. Der Form nach musste es ein Unterschenkel sein. Die fette Sauce tropfte von seinen Fingern und hinterliess – wie er am folgenden Tag feststellte – orangerote Flecken auf seiner hellen Hose. Er nagte das Fleisch vom Knochen und hielt diesen seitlich von sich in’s Dunkel. Augenblicklich spürte er den warmen Atem eines wohl ziemlich grossen Tieres, das unmittelbar neben ihm auf neue Beute gewartet haben musste. Der Hund nahm den Knochen vorsichtig und sanft aus der Hand, als wäre er der beste Freund des Herrn Pastiz und wüsste um die Kraft seiner Kiefer und Zähne, mit welchen er seine kleine Beute zermalmte. Letzten Endes fanden alle Teile der Freude spendenden Vögel ihren segensreichen Weg in einen der vielen Mägen, die sich – eingeladen oder nicht – um die Schüssel versamelt hatten.
Der Abbé beklagte sich nicht lange nachdem der letzte Knochen abgenagt und unter leisem Knacken im Rachen eines Hundes verschwunden war, über die nächtliche Kühle, die plötzlich in seine Glieder gefahren sei. Und auch der Capitaine gab mit schwerer Zunge zu bedenken, dass er schon vor Tagesbeginn zur Kaserne aufbrechen müsse und bedankte sich ein weiteres Mal wortreich für die Einladung, bevor er den Heimweg antrat, den zu finden Herr Pastiz für unmöglich hielt, aber was dennoch geglückt sein musste.
Owohl die Temperaturen kaum unter 25 Grad Celsius gefallen waren, würde die nächtliche Kühle dem armen Abbé ziemlich zusetzen und ihn dazu zwingen, auch in der glühenden Hitze des Tages einen Wollschal und eine Mütze aus demselben Material zu tragen, während an seiner Nase ein stetiger Tropfen hängen würde.
Dies aber wusste zu diesem Zeitpunkt, als die Tafel aufgehoben wurde und die Hundemeute sich in einiger Entfernung in Sicherheit gebracht hatte, noch niemand.
Was Herrn Pastiz und Frau Motzle anbelangt, so wurde die Nacht die beste der ganzen Reise, denn der Schlaf – Sobebra sei Dank – verschloss ihre Ohren und weder die Gewehrsalven noch das Mörserfeuer des nächtlichen Manövers, das unweit von Pô abgehalten wurde, noch die Hitze in ihrem Schlafbunker konnten diesem etwas anhaben.
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Sonntag, 4. Dezember 2011
pastiz am 04.Dez 11, 22:53 im Topic
Afrika
Episode 4: Die Tortur der Nacht und der Morgen danach
Die Dunkelheit bricht schnell über das Land herein. Der Übergang vom Tag zur Nacht dauert kaum länger, als man für eine Drehung um die eigene Achse braucht, während der man den Blick über die Weite der Savanne gleiten lässt. Wenn in der flirrenden Luft der untere Rand der Sonnenscheibe den Horizont berührt, sind die letzten von ihrer Feldarbeit nach Hause zurückgekehrt. Das Licht am Himmel verfärbt sich gelb und ocker vor einem grellen Türkis, in das sich rosa Schlieren mischen. Hunde bellen und jaulen in der stickigen Hitze, die der Tag der Nacht übergibt, in einem hunderfachen Konzert, untermalt vom eintönigen, schnarrenden Summen Tausender von Fledermäusen in den Kronen der vereinzelt stehenden, riesigen Bäumen, die vor Jahrzehnten zu einem Wald gehört hatten.
Vor den Hütten und Häusern steigt Rauch aus kleinen offenen Kochstellen auf, auf welchen Tô, der traditionelle Brei aus Hirse und Wasser und eine Sauce dazu gekocht wird. Weiter draussen vor der Siedlung hört man Esel in einem schreienden wütenden Protest.
Die erste Nacht in der Hölle des Betonbunkers war nichts weniger als eine Tortur, unter welcher Frau Motzle viel und der ungeduldige Herr Pastiz noch viel mehr zu stöhnen hatten. Solange wie möglich blieben sie draussen im Hof, wo tagsüber eine offene Rundhütte für Schatten sorgte und nun, nachdem sich die Nacht samtschwarz niedergesenkt hatte, eine dreissigköpfige Kinderschar aufgeregt durcheinander und auf die beiden Weissen einschnatterten. Es hatte sich im Dorf schnell herumgesprochen, dass es hier Hefte und Stifte gab, welche die beiden Weissen mitgebracht hätten und unter denjenigen verteilten, die rechtzeitig da wären. Als Gegenleistung gab es Handstände, Purzelbäume und andere Darbietungen, welche die Buben zum Besten gaben, während die Mädchen sich in keine Grüppchen kichernd aneinander drückten und hastige Blicke aus übergrossen glänzenden Augen auf Herrn Pastiz und Frau Motzle warfen.
Nachdem die letzten glühenden Schlieren der Sonne erloschen sind, wirft der Concierge den Dieselgenerator an und bringt die nackte Glühbirne über dem Tisch in der Rundhütte zu einem schüchternen Leuchten. So spärlich dieses auch sein mag, für Hundertausende von Mücken und Faltern aber wird es zum Zentralgestirn ihres Daseins, welches sie in einem irren, selbstmörderischen Veitstanz flatternd umkreisen.
Später haben sich die letzten der grösseren Buben nach mehrmaliger Ermahnung, dass anderntags wieder Schule sei, widerwillig losgerissen und nach Hause davongetrollt und die Fremden unter der lautlosen, schwarzen Insektenwolke alleine gelassen. Die anderen Weissen haben sich längst in ihre Schlafbunker zurückgezogen, wo sie unter dem rauschenden Blättern des Ventilators ihren priviligierten Schlaf schlafen, als der Concierge auftaucht und sich erkundigt, wie lange noch Licht benötigt würde. Sie bräuchten eigentlich keines mehr, denn sie wollten sich auch zum Schlafen hinlegen, antworten Herr Pastiz und Frau Motzle. Wenige Augenblicke später löst sich das gelbliche Lichtlein unter dem ersterbenden Brummen des Generators in der Schwärze der Nacht auf. Herr Pastiz und Frau Motzle bleiben noch auf der Holzbank sitzen und lauschen. Erst jetzt dringen die vieltausendfachen Geräusche an ihr Ohr, welche sie bisher nicht wahrgenommen hatten. Die Fledermäuse haben sich auf ihre lautlose Jagd gemacht, Hühner, Esel und Hunde sind verstummt und haben die Welt einem Orchester unsichtbarer und namenloser Geschöpfe überlassen, welche die Nacht und den Raum mit einer kakaphonischen Symphonie erfüllen.
Herr Pastiz dreht den Kopf in die Richtung, wo er Frau Motzles schattengleiche Umrisse erkennen kann.
“Was in aller Welt ist da draussen los“, fragt er und sieht die Silhouette ratlos die Schultern heben.
„Tiere, eben!“
Der Schweiss rinnt von ihren Körpern und tränkt das zerschlissene Leintuch. Es klebt an ihren Rücken.
„Ich kann nicht schlafen, ich schmelze und werde wohl sterben in diesem französischen Backofen mitten in der Savanne von Westafrika“, beschwert sich Herr Pastiz, „diese Hitze und dieses Spektakel da draussen“.
„Ich vermutlich auch, wenn du so weiter nörgelst, warum hältst du nicht deine ... ich meine, hoppel nicht so herum, versuch’s doch einfach!“, kommt’s gequält von seiner linken Seite her. Also gibt er sich Mühe, ohne aber auf das Hoppeln verzichten zu können; wirft sich von einer Seite zur anderen und versucht es solange, bis er in den Abgrund eines bleiernen Schlaf torkelt, durch welchen bizarre Wesen geistern, deren gellende Schreie wie Blitze zucken.
Als Herr Pastiz erwachte, gellten die Schreie immer noch. Der ruhelose Schlaf klebte an ihm wie zäher Schleim und entliess ihn nur langsam aus der Zwischenwelt. Das dämmernde Licht hatte die Esel und die Hunde wieder auf den Plan gerufen, die den jungen Tag mit allen ihren irdischen Leibeskräften begrüssten.
"Ich muss hier 'raus", sagte er vor sich hin und blickte auf Frau Motzle, die alle Viere von sich gestreckt, auf dem Rücken lag.
Er rollte steif über die Bettkante und ging wankend auf die algenüberwachsene Dusche zu. Das handwarme Wasser aus dem einzigen Hahn floss über seinen Kopf den Körper hinab. Es brachte keine Erfrischung. Er schlüpfte in seine staubigen Kleider und trat hinaus. Einen viel zu kurzen Moment lang glaubte er Morgenfrische zu verspüren, bis ihm die Kleider wieder am Körper klebten.
Er überquerte die Hauptstrasse zum noch leeren Markt hin. Geier hüpften träge von einem faulenden Abfallhaufen zum nächsten und machten sich gegenseitig die wenigen Fleischreste streitig. Der Himmel lastete schwer und hatte die Farbe eines blinden Spiegels.
"Monsieur, Monsieur!" riefen dünne Kinderstimmen hinter ihm und bevor er sich umgedrehen konnte, spürte er, wie kleine raue Hände in die seinen schlüpften, ihn festhielten. Er blickte überrascht neben sich nach unten in zwei Jungengesichter, die ihn erwartungsvoll anblickten.
"Ich bin Amadé und mein Freund heisst Jean-Luc", erklärte der kleinere der beiden. Sie waren vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, schmächtig, mit dünnen Beinen und noch viel dünneren Armen, die aus den Ärmeln ihrer schmutzigen Hemdchen von undefinierbarer Farbe lugten.
"Es freut mich, euch kennenzulernen, ich bin Monsieur Pastiz. Nun, was erzählt ihr mir?"
Als wäre dies ihr Stichwort gewesen, sprudelten sie los, sie wüssten, dass Monsieur und seine Frau gestern hergekommen und Freunde des Abbés und dass sie schon früh auf seien, aber später zur Schule müssten, aber dann hätten sie Monsieur alleine die Strasse heraufkommen sehen. Ihre Eltern seien Bauern und schon draussen auf dem Feld. Und da er so alleine sei, wollten sie ihm die schöne Stadt zeigen und den Teich, wo sie an den Nachmittagen Kopfsprünge in's Wasser machten.
Sie lachten, hüpften um Herrn Pastiz herum und zogen ihn über den leeren Markt zu einem schmalen, von Buschwerk gesäumten Weg. Ihre kleinen rosa Zungen zwischen den weissen Zähne bildeten einen farbenfrohen Kontrast zu ihrer tiefschwarzen Haut. So viel Begeisterung liess ihn zögern. Sie schien unschuldig zu sein. Unsicher schaute er sich um, aber niemand war zu sehen. Bilder von Weissen, die mit kleinen Jungen oder Mädchen im Gebüsch verschwinden tauchten vor ihm auf. Sollte er sich von dem kindlichen Ungestüm anstecken lassen und mit ihnen gehen? Machte er ihnen damit eine Freude, indem er sich für ihre Welt interessierte, so wie sie ihn erfreuen wollten, indem sie ihn an ihrer Welt teilhaben liessen? Was ist, wenn sich dies alles gegen ihn wände? Was würde er sagen, wie sich rechtfertigen? Was würde man glauben? Und wem?
"Venez, Monsieur, notre étang [Weiher] est just derrière les arbres, là-bas! C'est beau!"
Sei's drum, dachte Herr Pastiz und überliess sich den beiden kleinen Stadtführern. Sie gingen den Hohlweg hinter dem Markt entlang, über welchem auf der einen Seite Hütten auszumachen waren. Eine Herde grosser Zebus mit weit ausladenden Hörnern versperrte ihnen den Weg. Die beiden Jungen rissen sich von Herrn Pastiz los, klatschten laut in die kleinen Hände und riefen "ho, ho" und " va, va", bis sich die grossen Tiere, die mit weit aufgerissenen Augen auf die Seite blickten, woher die Rufe kamen, in's Unterholz zurückzogen.
"N'ayez pas peur, Monsieur, venez!" rief Amadé, der obwohl der Kleinere, offenbar der Wortführer der beiden war.
Der Teich war ein schönes Gewässer von ovaler, länglicher Form. Umstanden von schlanken hohen Bäumen und üppigem bis in's Wasser reichendem Buschwerk erschien er als ein beinahe elysischer Ort, im Gleichgewicht ruhend wie kein anderer in diesem sonnenverbrannten Land. An den Ufern stauten sich Müll, Plastik, ölige, regenbogenfarbene Augen von Benzin, in welchen faulende Extremente von Menschen und Tieren schwammen.
Zwei erwartungsvolle Augenpaare blickten zu Herrn Pastiz empor, forderten mit Nachdruck eine Stellungnahme, zum Ort an sich und wahrscheinlich auch hinsichtlich der touristischen Verheissungen: Ist unser Teich nicht der schönste weit und breit? schienen sie zu fragen.
"Ja, ihr habt nicht zu viel versprochen", schmunzelt Herr Pastiz, "ich glaube, ich habe noch nie einen so schönen Teich gesehen" und strich mit seinen Händen sanft über die beiden Jungenköpfe mit dem kurzen Kraushaar. Sie fühlten sich warm und wollig an. Auf ihren Gesichtern breitete sich ein Strahlen aus, das so erschien, als wäre ein glänzender Lack über sie ausgegossen worden. Amadé schmiegte seine Wange an die Seite des Herrn Pastiz.
"Wir sollten langsam zurückgehen, die Schule, ihr wisst schon, ihr wollt doch keine Strafe", versucht Herr Pastiz den Kindcheneffekt wieder unter Kontrolle zu bekommen. Dabei helfen ihm die anfänglich bereits aufgetauchten Bilder und Bedenken. Die beiden kleinen Tourismusbeauftragten kümmert die Aussicht auf Strafe wenig, sind aber mit dem Vorschlag grundsätzlich einverstanden.
"Aber zum Geschichtenbaum gehen wir noch, Monsieur; er befindet sich gleich da vorne"!
Der Geschichtenbaum, so erklären sie, ist ein grosser Baum, um welchen sich die Familien am Abend sammeln, um dem alten Geschichtenerzähler zu lauschen. Da würden sich auch die Alten des Quartier einfinden und Entscheidungen zu besprechen, die zu treffen wären oder auch die Mütter mit ihren Kindern, wenn die Arbeit getan sei. Welcher Art denn die Geschichten seien, will Herr Pastiz wissen, der aber darauf nie eine Antwort bekommen hat, denn im selben Augenblick, als sich die Jungen noch ratlos anschauen, erklingt über ihnen ein Gurren, welches sich von irgendwo tief drinnen entwunden zu haben scheint. Sie blicken sich suchend um, dann nach oben und entdecken zwischen den lichten Zweigen eines Busches ein nacktes Mädchen unter einer Brause.
"Bonjourrr, Monsieur", fliesst der morgendliche Gruss ein weiteres Mal gurrend über ihre Lippen und tropft wie flüssiger Honig hinab auf Herrn Pastiz, der glaubt, sein Herz hätte ausgesetzt.
Vergessen sind die beiden Jungen, die immer noch an seinen Händen hängen.
"Bbbonjour, Mademoiselle...?!", stammelt er. Das Mädchen entblösst ihre weissen Zähne, lacht kurz auf und wirft den Kopf in den Nacken, während sie ihren Blick auf dem Weissen liegen lässt, der atemlos zu ihr heraufschaut. Sie hebt langsam ihre Arme und führt ihre hellen Handflächen zum Kopf, während das Wasser in Mäandern über die glänzenden Brüste rinnt. Langsam streift sie sich den weissen Seifenschaum von ihrem runden, kurz geschorenen Schädel. Er fliesst weich über ihre angezogenen Schultern nach unten und verschwindet irgendwo im Gebüsch zu ihren Füssen.
"Venez, Monsieur, c'est qu'une fille!"
Ungeduldige Kinderhände zupfen an den Armen des Herrn Pastiz und ziehen ihn weiter.
"Nur ein Mädchen ... Himmel, ich muss da gestanden haben wie ein Idiot", denkt er und stolpert den beiden Jungen hinterher, während ihm der Herzschlag noch im Hals pulsiert.
Sie erreichen den Markt, wo sich nun die Händler eingefunden haben, die unter den Blicken der Geier auf den Hausdächern ihre Waren auf den windschiefen Ständen ausbreiten.
"Allez les garçons, l'école vous attend", verabschiedet Herr Pastiz seine beiden kleinen Begleiter, über deren Gesichter ein bekümmerter Schatten huscht.
Er wäre ja noch einige Tage hier und sie würden noch mehr Gelegenheit haben, ihm weitere Dinge zu zeigen, tröstet er sie. Sie schauen zu ihm hoch und nicken ernst. Dann stupst Jean-Luc seinen Freund und ruft: "Qui est le premier?" [wer ist erster?] bevor sie in kindlicher Unbekümmertheit hüpfend in der bunten Menge der zahlreicher werdenden Marktbesucher untergehen.
Herr Pastiz bleibt noch eine Weile unschlüssig stehen. Eine warme Hand legt sich von hinten auf seine Schulter.
"Wir werden heute Abend Pintades [Perlhühner] bei Jeanette essen", hört er den Abbé in überschwänglichem Ton sagen. Er dreht sich um und schaut auf die beiden ahnungslosen Vögel, die der Abbé zusammengebunden auf dem Arm trägt. Ein breites Lachen zieht sich über sein glänzendes Gesicht.
"Elle fait une superbe cuisine!"
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Dienstag, 25. Oktober 2011
pastiz am 25.Okt 11, 21:32 im Topic
Afrika
Episode 3: Nous n'avons pas les moyens
Die Schwester Oberin setzt sich am oberen Tischende zum Fenster hin auf ihren Platz. Am anderen Ende ihr gegenüber – wie wenn er am anderen Ende der Tischachse eine Gegenkraft setzen wollte – hat sich der Abbé niedergelassen, der keinen Moment auslässt, um scherzend auf die Pausbackige einzureden, die er mit Schwester Adèle anspricht. Diese hat kichernd ihren Platz an der breiten Seite des Tisches gegenüber Herrn Pastiz und Frau Motzle eingenommen und sitzt wie jene zwischen der Schwester Oberin und dem Abbé, gleichsam zwischen dem Saft des Lebens und der Dürre. Ein Mädchen trägt nach traditionellem französischem Brauch die Suppe auf, obwohl man auf dem rostigen Stück Blech draussen neben dem Eingang ohne weiteres hätte Spiegeleier braten können, ohne Feuer machen zu müssen. Das Mädchen hebt den Deckel von der Suppenterrine, Dampf steigt auf und verbreitet den würzigen Duft von verschiedenen Gemüsen. Augenblicklich wird der Abbé ernst und verstummt. Ob dies an seinem grossen Appetit oder an seiner grossen Gottesfurcht liegt, kann Herr Pastiz auf den Moment nicht entscheiden, denn der Abbé hat bereits die Hände gefaltet und senkt den Kopf mit geschlossenen Augen zum Tischgebet. Herr Pastiz blickt überrascht vom Abbé zur Oberin, zu Schwester Adèle und dann auf Frau Motzle, die es alle dem Abbé gleichtun. Er legt den Löffel schnell wieder hin, den er schon in der Hand hält, und hofft, dass seine Gedankenlosigkeit der Schwester Oberin entgangen sein möge.
Kaum aber ist das Amen im Raum verklungen, löst sich der Ernst vom Gesicht des Abbé. Er beugt sich hinüber zu Schwester Adèle und raunt ihr etwas in’s Ohr, als sie ihm die Suppe in den Teller giesst. Sie stösst einen kleinen Jauchzer aus und hat Mühe, die Suppe nicht zu verschütten. Herr Pastiz hätte gern gewusst, welche Scherze die mollige Schwester so zum Lachen bringen. Der Abbé aber ist weise genug, sich für seine kleinen Albernheiten der Stammessprache zu bedienen, deren Feinheiten vielleicht nicht einmal die Schwester Oberin zur Gänze erfassen kann, die mit geradem Rücken unnahbar und verschlossen wie aus Stein gehauen auf ihrem Stuhl sitzt.
Schwester Adèle kichert bei jedem Wort, das über die Lippen des Abbé kommt. Ihre Heiterkeit scheint sich wie in Wellen noch zu steigern. Sie kann kaum aufhören und schnappt nach Luft, während ihre üppigen Brüste und auch der Löffel in ihrer Hand auf und ab hüpfen und kleine Tränen über ihre glänzenden Wangen rollen. Die Schwester Oberin wirft einen missbilligenden Blick auf den Abbé, der ihr mit seinem ansteckenden Lachen wie die Versuchung selbst vorzukommen scheint. Ihre Züge verhärten sich immer mehr und ihre feingliedrige linken Hand ballt sich zu einer Faust, bis die Knöchel weiss hervortreten. Sie blickt vor sich hin und löffelt stumm ihre Suppe, bis sie es nach einiger Zeit nicht mehr aushält, sich plötzlich aufrichtet und mehr zischt als ermahnt: "Ah, non, Monsieur l'Abbé, ça suffit!" [Aber nun reicht's, Herr Pfarrer] Ihr Blick ist jetzt nicht mehr nur streng, er ist zornig, als er den Abbé trifft, der ein wenig zusammenzuckt und betreten in seinen Teller schaut. Herr Pastiz schaut kurz von der Seite zu Frau Motzle und muss ein Schmunzeln mit einem Löffel Suppe hinunterschlucken, als er sieht, wie ihm der Abbé ein verstohlenes Augenzwinkern über den Tisch zuwirft. Das bleibt die letzte Äusserung des Abbé, der sich, wie er wohl glaubt, genug produziert hat. Weiterzumachen wäre zu unklug, denn er ist auf das grundsätzliche Wohlwollen und die Unterstützung der Schwester Oberin angewiesen, denn sie ziehen ja am selben Strick. Schwester Adèle braucht noch ein Weilchen, bis sich ihr fülliger Körper unter langsam verebbenden Glucksern beruhigt, dann legt sich Schweigen über den Raum, das nur noch vom Scharren und Klirren des Bestecks in den Tellern und dem Summen einiger Fliegen durchbrochen wird.
Nach dem Essen wird der Abbé geschäftig. Mit einem demütigen Blick im linken Auge beeilt er sich, sich von der Schwester Oberin zu verabschieden, während sein rechtes Schwester Adèle verschwörerisch zuzwinkert. Sie hat einen fast glückseeligen Ausdruck auf ihrem Gesicht, als sie zu ihm hinüberschaut.
Er hätte jetzt keine Zeit, sagt er zu Herrn Pastiz und Frau Motzle, Verpflichtungen riefen ihn und er müsse sogleich davoneilen, aber er hätte zwei der Jungs draussen beauftragt, sie zur Unterkunft zu geleiten, welche Pô seinen ausländischen Gästen zur Verfügung stelle. Die wären zwar nicht umsonst, sagt er. Mit einem Bein steht er bereits im grellen Sonnenlicht, aber er habe alles in die Wege geleitet und sie wären seine Gäste und bräuchten nichts zu bezahlen.
Die Schwester Oberin, deren Züge sich während der Stille der Mahlzeit ein wenig entspannt haben; vielleicht auch durch die Aussicht, dass nach dem Abschied des Abbé und der beiden unerwarteten Gäste wieder die gewohnte Ruhe im Haus einkehren würde, und besonders bei Schwester Adèle, die ein tüchtiges Mädchen ist, aber mit Sicherheit ihrer Führung bedarf.
Nach dem Abschied des Abbé kommt es Herr Pastiz beinahe so vor, als hätte er sein Aufenthaltsrecht an diesem Ort mit einem Schlag verloren. Die im Raum Verbliebenen stehen mit einem Mal ohne Bezug zu einander unschlüssig im Zimmer. "Lass' uns auch gehen", sagt er zu Frau Motzle. Die Schwester Oberin nimmt den Dank mit einem kaum sichtbaren milden Ausdruck entgegen und nickt ihnen zum Abschied zu, während Schwester Adèle ihr immer noch seeliges Lächeln verschenkt. Ihre Augen glänzen und Herr Pastiz kann darin sein Spiegelbild sehen, als sie ihm die Hand drückt und viel Glück, Gesundheit und die Güte des Herrn auf allen Wegen wünscht.
Draussen stehen die versprochenen Jungen schon bereit, schultern die Rucksäcke der beiden Weissen und führen sie zu den von einer niedrigen Mauer umgebenen Unterkünften, wo sie der Concierge, ein bereits in's Bild gesetzter junger Mann mit einer grossen Zahnlücke zwischen den oberen Schneidezähnen empfängt. Herr Pastiz lässt einige Münzen in die rose Handflächen der Jungen fallen und bemüht sich, dabei gelassen zu wirken. Ihre vollen Lippen hauchen zweistimmig "Merci, Monsieur". Sie gehen einige Schritte zur Seite und kauern sich nieder, um mit offenen Mündern den Fremden aus einer ihnen unbekannten Welt zuzuschauen.
Die Behausungen für ausländische Gäste erweisen sich als hässliche Betonbunker mit schwarz angelaufenen Mauern. Es gäbe leider kein "chambre" mit Ventilator mehr, die belgische Lehrerin, die italienischen Studenten und der weisshaarige Herr hätten diese schon belegt, teilt der Concierge mit. In seinem Blick mischen sich Bedauern, Schalk und die traurige Lethargie derjenigen, deren Lebensplanung auf 24 Stunden begrenzt ist. Das sei nicht weiter schlimm, winkt Herr Pastiz ab und bereut seine Unbedarftheit im gleichen Augenblick wie er durch die Tür tritt. Dunkle Raum ist kahl, stickig und glüht wie ein Backofen unter dem Wellblechdach. Bilder von Gefängnissen tauchen vor seinem inneren Auge auf, von ausgemergelten Gestalten in schmutzigen Unterhemden und schweissglänzender fahler Haut. In einer Ecke steht ein durchhängendes Eisengestell mit einer fleckigen Matratze, nur notdürftig mit einem zerschlisssenen Leintuch bezogen, vor einer Fensteröffnung, die den Raum mit rostigen Sichtblenden vor der grellen Sonne schützt. Jemand hat die Blenden auseinander gebogen; so kann man besser hinaus- und hineinsehen. Die gegenüber liegende Ecke dient mit einer betonierten Abtrennung als Dusche, wo bis auf Hüfthöhe schwarzgrünen Algen wachsen. Die Ablage über dem zersprungenen Waschbecken ist mit einem dicken, grünlichen schmierigen Belag überzogen, aber aus dem Hahn fliesst Wasser. "Nun, ja – äh – es ist ja alles da, was der Mensch braucht", sagt Herr Pastiz zögernd, ob er damit sich selbst oder gar Frau Motzle überzeugen oder dem Concierge sein Einverständnis anzeigen will, der immer noch erwartungsvoll unter der Tür steht, ist ihm im Augenblick selbst nicht klar.
Er wirft einen schnellen Seitenblick auf Frau Motzle, die ihn flehentlich anschaut. "Es ist nicht sehr sauber?" fühlt er sich dann verpflichtet zu diesem zu sagen und hofft, dass der Tonfall die Worte eher als Frage als Tadel erklingen lassen. Der Concierge legt seinen Kopf mit einem kindlich-unschuldigen Ausdruck zur Seite und zuckt mit den Schultern: "Nous n'avons pas les moyens, Monsieur"[wir haben nicht die Mittel, mein Herr].
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pastiz am 25.Okt 11, 09:36 im Topic
Afrika
Les Bonnes Soeurs
Vor der Apotheke der Guten Schwestern warten einige wenige Frauen. Die meisten scheinen dem Stamm der
Fulbe anzugehören, die auch unter dem Namen Peul bekannt sind, aber sicher sind sie sich nicht. Sie alle sind jung und tragen ein Kleinkind auf der Hüfte oder auf dem Rücken, eingewickelt in denselben Stoff wie das Kleid, das die Mutter trägt. Sie schauen stumm und mit grossen Augen auf die beiden Fremden, die verlegen in die Runde grüssen. Ihr Gruss wird nicht erwidert und bleibt irgendwie sinnlos in der flimmernden Hitze hängen. Herr Pastiz und Frau Motzle schauen sich an, vermutlich sprechen diese Mädchen kein Französisch und hatten bisher nur wenig Umgang mit Weissen gehabt. Aber dasselbe gilt ja auch für sie selbst, die sie noch wenig, Herr Pastiz überhaupt noch nie, Kontakt zu Fulbe oder anderen Stämmen gehabt haben, die noch auf eine Weise leben, wie diese jungen Frauen. Während die übergross scheinenden Augen der Mädchen scheu staunend auf den Weissen liegen bleibt, bemühen sich diese um einen lockeren Ausdruck und setzen sich umständlich in den Schatten eines dürren Busches. Der Abbé wird ja „bald“ da sein, versichern sie sich und richten sich auf eine unbestimmte Wartezeit ein. Unter den Wartenden fällt Herrn Pastiz eine junge Frau auf vollständig in flaschengrüne Tücher ohne weitere Muster gekleidet, die sie sich kunstvoll um den Körper gewickelt hat. Auf ihrem Rücken schläft Kind. An einem Mundwinkel hängt ein kleiner, klarer Speicheltropfen, der gleich im grünen Stoff versickern wird. An den Ohren trägt die junge Frau mehrere grosse, schwere Silbermünzen, die mit Ketten, ebenfalls aus Silber, mit ihrem Kopfputz aus demselben Stoff verbunden sind. Unzählige Reifen aus Silber klingeln bei jeder ihrer Bewegungen an beiden Handgelenken und auch an den Fesseln trägt sie dieselbe Art Reifen. Mehrere verschieden dicke Ketten schmücken ihren schlanken Hals, die leise klirren, wenn sie ihr Gewicht von einem Fuss auf den andern verlagert. Ihre glänzende Haut ist wie geschmolzene dunkle Schokolade und überspannt ein ebenmässig schön geschnittenes Gesicht mit hohen Wangenknochen, auf welchen eine Narbentatauierung ihre Stammeszugehörigkeit zeigt. Die grossen Augen mit dem blendenden Weiss der Augäpfel, das gegen die Nasenwurzel hin in’s Blutrot verläuft, sind wie klare Fenster, durch welche Herr Pastiz Scheu und auch ein wenig Furcht zu erkennen glaubt und als sich ihre Blicke kreuzen, durchfährt ihn ein Schauer. Er spürt einen Sog und es überkommt ihn das Gefühl, in diese Augen zu fallen zu müssen. Er kann ihrem – der Scheu zum Trotz – unerwartet festen, staunend forschenden Blick nicht standhalten. Seine lockere Haltung gerät in’s Schwanken und erscheint ihm plötzlich inszeniert. Um seine Fassung wieder zu erlangen, stösst er den unbemerkt angehaltenen Atem zischend gegen die erbarmungslose Mittagssonne aus. Frau Motzle schaut ihn fragend an. „Il fait chaud, hein?“ sagt Herr Pastiz, als müsste er sich rechtfertigen. Das Fulbemädchen beobachtet ihn immer noch von der Seite. Herr Pastiz hätte es gerne um ein Foto gebeten, denn er ist sich sicher – mit Ausnahme in der Person Agathes – noch nie solch grosse Anmut und natürliche Schönheit gesehen zu haben. Aber er tat es nicht.
Nach einiger Zeit wird der hölzerne Schlagladen vor der Eingangstür zum flachen Gebäude aufgestossen und eine junge pausbackige Frau in Schwestertracht tritt heraus. Sie schiebt ihre grosse Hornbrille auf der kurzen Nase zurecht und richtet einige Worte in der Stammessprache an die wartenden Frauen, die sich daraufhin etwas entfernen und respektvollem Abstand unter Bäumchen mit schütteren Kronen niederkauern. Herr Pastiz und Frau Motzle gehen auf die Schwester zu und erklären ihr den Grund ihres Besuchs. Ihre Bäckchen glänzen in der Sonne. Sie lächelt. Mit einem Schwenker ihres Arms bittet sie sie herein und führt sie zur Schwester Oberin. Diese, eine ältliche, dürre Französin mit aufgestecktem, beinahe weissem Haar, steht in Gedanken verloren mit dem Rücken zum Raum vor dem Fenster eines kargen Raums. Sie hat ihre Arme vor der Brust verschränkt. Von der Pausbackigen in leiser Demut angesprochen dreht sie sich um und richtet ihren Blick auf die beiden unangemeldeten Gäste, deren Ausführungen sie mit einem verkniffen säuerlichen Gesicht schweigend anhört. Ihre Augen sind schmal, der einstige Mädchenblick wie eingemauert; Trockenheit geht von ihr aus und Herr Pastiz spürt ein Kratzen in der Kehle. Selbst als Frau Motzle mit ihrer Rotkelchenstimme den Abbé erwähnt, hellt sich ihr Ausdruck nicht auf, im Gegenteil, ein kleines missbilligendes Stirnrunzeln gesellt sich zu den verspannten Gesichtszügen und sorgt sowohl bei Herrn Pastiz als auch bei Frau Motzle für Ratlosigkeit. Dann plötzlich fällt ein Sonnenstrahl durch das Fenster und bricht sich in ihrem feinen Haar, welches an den Schläfen in silbernen Fäden absteht, und lässt es wie in einem Heiligenschein hell aufleuchten, so als erhielte sie in diesem Augenblick einen himmlischen Fingerzeig.
„Bon, sagt die Oberin kurz angebunden, „on va bientôt manger, venez!“ und geht voraus in das Speisezimmer, in welchem ein einfacher Tisch für drei Personen gedeckt ist. Mit einer schnellen Geste heisst sie sie Platz zu nehmen. Die pausbackige Schwester bringt noch zwei weitere Gedecke. Sie lächelt immer noch freundlich. Wenig später erklingt die gutturale Stimme des Abbé unter der Haustür, der kurz darauf mit einem fröhlichen Lachen in’s Zimmer tritt und Frau Motzle in die Arme schliesst. Die Begrüssung ist laut und herzlich. Schmatzende Küsse werden auf weisse Wangen gedrückt und schwarze und weisse Hände umfassen sich. Das Haus selbst scheint auf den Abbé gewartet zu haben, um die Lebenslust in alle Ritzen zu lassen, gleichsam wie um Vorräte an Heiterkeit anzuhäufen, damit das Leben in ihm bis zu seinem nächsten Besuch nicht unter der rigiden Herrschaft der Schwester Oberin vertrocknen möchte.
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Dienstag, 18. Oktober 2011
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pastiz am 18.Okt 11, 23:28 im Topic
Afrika
Pô oder am Ende der Welt
Zu seinen Füssen sieht er den schwarzgrauen Asphalt der Strasse durch ein tellergrosses Loch rasen, das der Rost durch den Fahrzeugboden gefressen hat. Der Anblick erinnert ihn an ein Schleifband. Draussen vor den halbblinden Fenstern des altersschwachen Busses, der täglich zwischen Ouagadougou und Pô in ziemlicher Schieflage hin und her rumpelt, fliegen die bereits von der Sonne verbrannten Hirsefelder wie ockerfarbene Schlieren an den Augen des Herrn Pastiz vorbei. In den Feldern sieht er bunt gekleidete Frauen, die meisten mit einem Kleinkind auf dem Rücken, gebückt zwischen den Garben die Ernte einfahren. Sie sehen aus wie farbige Blumen im eintönigen Braun. Ab und zu scheint sich auch ein Mann auf ein Feld verirrt zu haben. Alle anderen seiner Geschlechtsgenossen sitzen im Schatten grosser Bäume zwischen den Hütten der an der Strasse liegenden Dörfer und diskutieren in jovialer Runde den Lauf der Dinge des Dorfs, des Nachbarsdorfs und die der Welt. Zwischen den Siedlungen liegen links und rechts der Fahrbahn immer wieder die Stämme umgehauener riesiger Bäume eines fast schon verschwundenen Urwalds, deren Krone und kleineres Geäst abgehackt worden ist. Das Holz bleibt ungenutzt, wird von der Sonne versteinert und von den Termiten in feinen Holzstaub zersetzt. Auf einem sitzt ein kleiner Affe. Es ist das einzige Wildtier, das Herrn Pastiz auf seiner Reise begegnet ist, abgesehen von den Milliarden von Moskitos, Spinnen und anderen krabbelnden oder fliegenden Insekten, den Tausenden von Fledermäusen in den Platanen und den Hunderten von Gottesanbeterinnen im Unterholz sowie den ungezählten, namenlosen Geschöpfen der Nacht, deren rhythmisches Schreien und Rufen die brennend heissen Nächte in Ohren betäubender Kakophonie erfüllen.
Nach dreieinhalb Stunden Fahrt – immer hart an der Grenze des Zusammenbruchs erreicht der Bus eine grössere Ortschaft, wo er auf einer staubigen Ödfläche, der die Bussstation sein mag, ächzend in einer Staubwolke zum Stehen kommt. Mit einem geräuschvollen Zischen und Schnarren öffnet sich die Tür, deren einer Flügel klemmt, und entlässt Herrn Pastiz und Frau Motzle aus dem Bauch des rostigen Ungetüms. Draussen empfängt sie, die sie die Kühle des Fahrtwinds noch auf der Haut zu spüren glauben, eine lastende Hitze, die ihnen beinahe den Atem nimmt. Dabei ist es erst Ende November und die heissen Winde sind noch in weiter Ferne, die ab Anfang März Staub und Sand aus der im Norden liegenden Sahara bringen und die Haut im Gesicht und die Lippen aufspringen lassen. Die Ortschaft ist eine hässliche Ansammlung von flachen Gebäuden beiderseits einer rotstaubigen, ungeteerten breiten Strasse. Still liegt sie unter dem grellen, fast weissen Himmel unter einer glühenden Sonne, die die Luft erzittern und flimmern lässt. Kaum ein Mensch ist zu sehen, kein Laut zu hören, selbst die immer fleissigen Insekten schweigen. An den Wänden der ebenerdig gebauten heruntergekommenen Häuser aus Beton dösen gelbbraune Hunde, mehr Skelette, denn lebende Tiere, im schmalen Schatten der vorspringenden Dächer. Auf der rechten Seite ist der zu dieser Stunde verlassene alte Markt erkennbar. Die Stände sind je aus vier knorrigen und krummen Baumstämmchen, die von der Sonne so ausgedörrt sind, dass sie wie versteinert wirken, und einem Dach aus Hirsestroh gebaut. Kleinere und grössere Haufen von in der Hitze bereits faulenden Schalen von Früchten und Grünzeug von Gemüse zeugen von der bescheidenen Geschäftigkeit in den frühen Vormittagsstunden. Unter einem Stand balgen sich Wolken von grossen, schwarzen Fliegen um einige blutige Reste von Eingeweiden der am Morgen geschlachteten Ziegen und Schafe, welche von streunenden Hunden und Geiern verschmäht worden sind. Dahinter ist der neue Markt, eine offene Beton-Stahl-Konstruktion im Bau: Er ist wie die Häuser eine zukunftsweisende Investition Frankreichs, die nach der ersten Regenzeit schwarz angelaufen und verkommen sein wird. Noch vor Ablauf der Bauzeit wird sie aussehen, als hätte ihre letzte Stunde bereits vor Jahrzehnten geschlagen. Die rote Erde der Hauptstrasse und der abzweigenden Nebenstrassen ist übersäht mit Abfällen und kleinen Plastiksäckchen, deren Herkunft und früherer Zweck sich Herr Pastiz nicht erklären kann. Er blickt sich um und erschrickt ob der Öde und der Trostlosigkeit, welche dieser Ort ausstrahlen: Pô – ist dieser Name Programm?
Mit der gnadenlosen Sonne warten etwa ein Duzend Kinder und Jugendliche unter den spärlichen Gebüschen auf die wenigen einheimischen Geschäftsleute und die noch selteneren Weissen, die sich hierher verirrenden, um ihnen ihre Dienste für ein kleines Entgelt anzubieten. Herr Pastiz hat inzwischen gelernt, dass er sich in kurzer Zeit einen oder besser zwei unter den Jungs aussuchen muss, um von den anderen in Ruhe gelassen zu werden: In die Augen schauen, ein oder zwei Bruchteile einer Sekunde den Blick in demjenigen des Jungen ruhen lassen und auf den Instinkt hören, der meistens die richtige Wahl trifft. "Toi et toi", sagt er dann, indem er den beiden Angesprochenen in die Augen blickt, "veuillez prendre nos bagages, s'il vous plaît, et nous montrer la maison de l'Abbé Pierre?" ["Du und du, wollt ihr bitte unser Gepäck nehmen und uns das Haus des Abbé Pierre zeigen?"].
Augenblicklich schiessen ihm dünne schwarze Arme entgegen, kleine Hände mit rosa Handflächen greifen eifrig nach den Gepäckstücken. "Oui, Monsieur, biensûr, venez par là, c'n'est pas loin" [Ja, Monsieur, sicher, kommen Sie hier lang, es ist nicht weit"]. Die anderen Jungs, die dieses Mal leer ausgegangen sind, finden sich widerspruchslos mit dem Entscheid ab und zerstreuen sich langsam über die öde Freifläche; nur einige Neugierige, darunter auch ein oder zwei Mädchen, folgen dem kleinen Grüppchen bis zu einem flachen Gebäude, über dessen Tor ein Kreuz angebracht ist. Der Abbé sei im Moment nicht da, erklären die beiden etwa 10-jährigen Jungs, aber er käme bald und hierher zurück, zu den Bonnes Soeurs, die die Schule für Waisenmädchen und eine Apotheke führten, um das Mittagessen bei der Schwester Oberin und deren Gehilfinnen einzunehmen. Mit diesen Worten legen sie das Gepäck in den gelben Staub und kauern sich im Schatten eines Gestrüpps nieder.
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Mittwoch, 28. Juli 2010
pastiz am 28.Jul 10, 17:07 im Topic
Afrika
Den folgenden Tag wollen Herr Pastiz und Frau Motzle mit der Erkundung des
Vieux Quartier verbringen, dem alten Teil der Stadt, wo Angehörige des Stammes der Bobo auf der Suche nach einer neuen Heimat ihre Lehmhäuser an einem kleinen Flüsschen erbaut haben sollen,. Ein junger Mann, der sich ihnen am Vortag als Führer anerboten hat, hat sich mit Herrn Pastiz und Frau Motzle verabredet, denn es sei wenig ratsam als Weisser alleine durch diesen engen, von schmalen Gässchen durchzogenen Teil der Stadt zu wandern - „non, monsieur, pas du tout dangereux, mais simplement peu préférable“, erwidert er harmlos lächelnd, als Herr Pastiz nachfragt [„nein, mein Herr, keineswegs gefährlich, nur einfach nicht empfehlenswert“].
„Nun denn“, sagt Herr Pastiz, „treffen wir uns am frühen Nachmittag“.
Nun also stehen sie am vereinbarten Ort und halten vergeblich Ausschau nach dem jungen Mann, der nicht kommt. Aber dafür ein anderer, der sich ihnen ebenfalls als kundiger Stadtführer zu erkennen gibt. Herr Pastiz – immer noch zu sehr europäisch denkend – immerhin sind erst dreissig Minuten seit der vereinbarten Uhrzeit vergangen – heuert diesen unverzüglich an und will sich schon auf den Weg machen, als der Erstangeheuerte keuchend und mit beiden Armen rudernd, als wolle er seine weg schwimmenden Felle noch retten, über den weiten Platz herangesprungen kommt. Der Zweitangeheuerte ist von dieser Wendung seines Schicksals auch nicht eben begeistert und empfängt den Erstangeheuerten mit abwehrender Gestik und ebensolchen Worten. Nach einigem Disput einigen sie sich darauf, dass eigentlich Herr Pastiz an ihrem Debakel Schuld hat und beginnen diesen mit heftigen Vorwürfen in die Verantwortung zu ziehen. „Wenn ich nur meine Uhr abgelegt hätte“, jammert nun Herr Pastiz in Gedanken und blickt hilfesuchend auf Frau Motzle, die ihm aber wie an ihrem „ich-habs-dir-ja-immer-gesagt“-Blick erkennbar, keine Unterstützung zusagen will. Doch seine Unschlüssigkeit ist nur von kurzer Dauer und es gelingt ihm, die Wogen zu glätten, indem er den Kontrahenten zusichert, unbedingt auf die Hilfe beider angewiesen zu sein, denn acht Augen sähen ja bekanntlich mehr und schliesslich seien er und Frau Motzle ja auch zwei. Solcherlei haben sie nicht erwartet und blicken augenblicklich verstummend und noch nicht ganz überzeugt auf Herrn Pastiz, welcher ihnen den Preis nennt, der er ihnen zu zahlen bereit ist. Mit einer gewissen Restskepsis schlagen sie ein und die Erkundung der historischen Stätte kann endlich beginnen.
Treppauf, treppab, zwischen eng bei einander stehenden fensterlosen Lehmhütten hindurch werden die beiden Weissen geführt, die neugierige Blicke in das nachtschwarze Dunkel werfen, welches die offen stehenden Türen preisgeben. Aber sie sehen nichts, keine Bewohner, nichts, aber sie ahnen, dass sie gesehen werden. Hie und da spielen kleine nackte Kinder vor einer Türschwelle und werfen den Fremden ängstliche Blicke aus grossen Augen zu. Ein spindeldürrer Hund verschwindet schnell mit eingeklemmtem Schwanz zwischen zwei Hütten. Das Vieux Quartier scheint wie ausgestorben, aber doch bewohnt, denn von irgendwo liegt der würzige Geruch von köchelnder Speise in der Luft. Der Erstangeheuerte erzählt, dass Bobo Dioulasso auf Zuspruch des heiligen „poisson-chat“ (Katzenwels) gegründet worden sei, der seinen Kopf aus dem Wasser des kleinen Flusses gestreckt haben soll, als eben die Gruppe der Wanderer daran vorüber ziehen wollte. Ein Schild an einer grösseren Hütte informiert, dass dies zu Beginn des 18. Jahrhunderts gewesen sein soll. Auf Anraten des Heiligen Fisches haben die Menschen das Vieux Quartier an den sanften Hängen des kleinen Flüsschens erbaut, das die Lebensader auch der heutigen Gemeinschaft bildet. Herr Pastiz und Frau Motzle werfen einen Blick auf den vom Erstangeheuerten bezeichneten Teich, wo die heiligen Fische hausen sollen, erkennen allerdings da, wo der schwarze Finger hinzeigt, bloss einen hoffnungslos mit Abfällen verschmutzten Tümpel, aus dem fauliger Gestank aufsteigt. Da die Heiligkeit der Fische und die Bereitschaft ihnen diese zuzugestehen in der Zwischenzeit offensichtlich in erschreckender Weise abgenommen hat, wenden sie sich dem kleinen Tal zu, mit dem sich im Schatten riesiger Bäume schlängelnden Bach. An seinen Ufern sieht Herr Pastiz reges und buntes Treiben inmitten Unmengen Unrats, Plastik, verrosteten Metalls, Kots und Dreck: Frauen kauern am Ufer und waschen unter Beihilfe einiger Kilogramm Waschpulvers ihre Wäsche, die sich in Schüsseln und Eimern an ihrer Seite stapelt, andere spülen das Geschirr. Einige Schritte weiter schwenkt eine Hausfrau den Salat, den sie in Kürze zubereiten wird. Daneben wühlen kleine Kinder und Schweine gemeinsam im Schlamm, während ein Mann, vielleicht deren Besitzer, daneben steht und in’s Wasser uriniert. Etwas weiter oben am Bachlauf steht eine junge Frau nackt im Flüsschen und giesst sich mit einem Becher Wasser über ihren Körper. Grosse Placken weissen Seifenschaums fliessen träge über ihre spitzen Brüste hinab über den Bauch, verlieren sich im darunter liegenden schwarzen Dreieck, tauchen entlang der runden Schenkel wieder auf, um wie zähflüssiges weisses Wachs in’s Wasser zu tropfen, das sie fort trägt zu der Frau mit dem Salat. Wie sie Herrn Pastiz und Frau Motzle heran kommen sieht, lacht sie breit und lässt ihre makellos weissen Zähne aufblitzen. Sie winkt ihnen zu und dreht sich langsam um ihre Achse, immer noch lachend und den Blick über die hochgezogene Schulter auf die beiden Weissen gerichtet, während ihr praller Hintern im Schein der Sonne schwarz glänzt als wäre er aus Obsidian.
„Die Schaumgeborene“ * seufzt Herr Pastiz, dabei nicht wirklich an Herrn
Botticelli denkend und blickt verstohlen auf Frau Motzle. Sie lächelt aber milde und verständnisvoll.
Auf der anderen Seite des Flüsschens liegen die Werkstätten der Schmiede, die in der Gesellschaft der Bobo eine ehrenvolle Stellung innehaben. Von überall her hört man das Hämmern von Metall auf Metall, das Zischen der sprühenden Kohle, wenn die Gehilfen den Blasbalg rühren, und das Kreischen und Kratzen der Kanten glättenden Feilen. In früheren Zeiten, aufgrund ihres Wissens mehr Zauberer als Handwerker, haben sie die Krieger mit Messern und guten Spitzen für Speere und Pfeile versorgt. Heute aber sind sie Handwerker, Künstler und Geschichtenerzähler und fertigen Figuren und Statuetten, Gefässe, Schmuck und anderes an, die sie den Besuchern zu verkaufen suchen, die von ihren mit ihnen auf Provisionsbasis zusammenarbeitenden Landsleuten herangeführt werden. Einige haben es schon weit gebracht, wie der Erstangeheuerte weiss, haben schon in Paris an Kunstausstellungen teilgenommen und mehrere Plastiken verkauft, so wie dieser hier, der über ein grosses, eigenes Atelier mit Arbeitern verfügt und seit letztem Jahr einen alten Peugeot 504 sein eigen nennt. Der Schmid, ein kleiner dürrer Mann, schüttelt die Hand des Herrn Pastiz und beachtet Frau Motzle nicht. Er lege heute nicht mehr selbst Hand an’s Metall, sagt er und wischt sich den Schweiss mit einem blütenweissen Papiertaschentuch von der Stirn; das täten jetzt seine Arbeiter. Er weist mit seiner Hand hinter sich auf zwei junge muskelbepackte Männer, die weiter hinten bei der Esse stehen und mit nacktem schweissglänzendem Oberkörper ein rotglühendes Stück Eisen hämmern. Heisse, vom Russ geschwängerte Luft erfüllt die Werkstatt und macht das Atmen schwer. Der frühere Schmied und jetzige Metallplastiker, ganz in weiss gekleidet, führt Herrn Pastiz und Frau Motzle würdevoll durch die Werkstatt hindurch auf den Hof und führt ihnen den alten Peugeot vor, den er als Gegenwert zu einem seiner Kunstwerke von seinem französischen Agenten vermittelt bekommen hat. Obwohl Herrn Pastiz Autos ziemlich wurscht sind, hebt er anerkennend die Augenbrauen, nickt dabei und drückt dem stolzen Besitzer seine Hochachtung aus, will sich aber doch nicht zu einem Kauf einer Statuette überreden lassen, was die Aufmerksamkeit, die ihm der Künstler anfänglich entgegengebracht hat, binnen Minuten auf den Nullpunkt sinken lässt. Diesen Umstand zu seinem Vorteil nutzend verabschiedet sich Herr Pastiz vom Plastiker, der den Abschiedsgruss nur flüchtig erwidert und in die Tiefen seines Ateliers entschwindet.
* "Die Schaumgeborene", mit freundllicher Genehmigung der Künstlerin Diplom-Designerin
Regina Herrmann, Material und Jahr: Seide / 1997, Homepage/Kontakt: www.alagina-art.de
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Donnerstag, 4. Februar 2010
pastiz am 04.Feb 10, 11:52 im Topic
Afrika
Am späteren Abend
desselben Tages – die Uhr zeigt schon nach 22:00 – kehren Herr Pastiz und Frau Motzle ermattet von den Tageserlebnissen und ihrem Abendessen, das sie in einem dem Hotel nahe gelegenen Restaurant eingenommen haben, zurück zu ihrer Bunker ähnlichen Schlafstätte, als Herr Pastiz durch plötzlich erklingenden Trommelschlag wieder hellwach wird. „Wo kommt der her?“, fragt er sich und Frau Motzle, den Kopf in alle Richtungen drehend, um den Ursprung seiner Wahrnehmung zu finden. Frau Motzle bedeutet ihm mit schlaftrunkenem Blick, dass sie für derlei Untersuchung zum gegebenen Zeitpunkt kein Interesse hegt und will weiterhin den Schlafbunker aus bröckelndem und mit schwarzen Schlieren überzogenem Beton aus französischer „Entwicklungshilfe“ ansteuern. Aber Herr Pastiz lässt nicht locker und beschwört ganz aufgeregt seine Schöne mit allerlei eindringlicher Rede, wie zum Beispiel „schlafen können wir später, mein Schatz, wenn wir in der Kiste liegen, komm’, da gibt’s ein Trommelkonzert, lass’ uns hingehen, das gibt’s nur jetzt und hier!“ und wendet sich in die Richtung, aus welcher der Trommelschlag zu kommen scheint. Mit dem Seufzer des sich ergebenden Opfers folgt ihm Frau Motzle, treu wie immer, und findet nach kurzer Zeit ebenfalls Gefallen an der Aussicht auf ein kleines Abendkonzert. Die Trommeln führen die beiden durch einige spärlich beleuchtete Seitenstrassen an eine Art Gartenlokal, das sie nun unter aufmunternden Zurufen einiger Türsteher oder sind es Gäste – man weiss es nicht – neugierig betreten. Herr Pastiz und Frau Motzle sind die einzigen Weissen im dünn gesäten Publikum. In der herrschenden Finsternis tasten sie sich an die runden Tische heran, an welchen einige wenige Gäste vor ihren Getränken sitzen. Vorne ist eine grosse Bühne aufgebaut, die der einzige Ort in der Stadt oder gar im ganzen Land zu sein scheint, der zu dieser nächtlichen Stunde taghell beleuchtet ist. Sieben Trommler – darunter ein Mädchen sind mutmasslich bereits eine Weile mit ihrer Darbietung beschäftigt, denn sie bewegen sich vollständig synchron und manche mit geschlossenen Augen zum Rhythmus, der in kraftvollen und doch weichen Wellen augenblicklich jede Faser des pastiz’schen Körpers durchdringt. „Deux Sobebra, s’il vous plaît“, schreit er dem jungen Mann in’s Ohr, der von hinten an ihn herangetreten ist und sich zu ihm herunterbeugt, um nach den Wünschen zu fragen. Auf jeder Seite der Bühne sitzen ganz aussen je zwei Musiker an einer Art Schlagzeug, welches Trommeln verschiedener Grösse und Klangfarbe in einem Rahmen aus Holzstangen vereint. Mit unglaublicher Schnelligkeit und Präzision schlagen die Männer auf die Felle und erzeugen zusammen mit den zwei Doppelbasstrommeln den Grundrhythmus, der das Zwerchfell zum Vibrieren bringt, während das Mädchen und die zwei anderen verschieden grosse Djembe, Kalebassen und eine grosse zwischen zwei Pfählen aufgehängte Basstrommel spielen. Alle sind so gekleidet, wie Herr Pastiz sich die Menschen in früheren Zeiten bei spirituellen Zeremonien vorstellt. Genau kann er das originale Ursprüngliche aber nicht aus dem Bild, das sich ihm präsentiert, herausschälen und so lässt er die Szene einfach auf sich wirken. Sie haben sich ihre Gesichter mit Symbolen in weisser Farbe bemalt und mit Bändern und Federn geschmückt. Die nackten Oberkörper der Männer glänzen vor Schweiss, der sie aussehen lässt, als wären sie aus lackiertem Ebenholz geschaffen worden. Ihre Hände und die muskulösen Arme wirbeln im Takt und schöpfen ihre Kraft aus dem ganzen Körper, als sei dieser ein Motor, der dies alles erst möglich macht. In der Mitte steht einer der Musiker mit seiner Djembe zwischen den Knien und singt die traditionellen Lieder. Er hält seine Augen geschlossenen. Von was mag er nur singen, welche Geschichten verbergen sich hinter den Lauten, die Herr Pastiz nicht versteht? Singt er vom Heute, vom Gestern, das es nicht mehr gibt? Vom Morgen, das es vielleicht nie geben wird? Von einem Traum? Der Liebe? Man weiss es nicht! Die Stimme ist kraftvoll, geschmeidig und klar. Schweiss strömt über sein Gesicht und seine Halsschlagadern treten wie silberne Schlangen an seinem Hals hervor, wenn er seine Stimme lange auf einem Ton hält. Immer wieder bringt er Passagen vor, die von den restlichen Mitgliedern der Gruppe aufgenommen und mehrmals im Wechselgesang hin- und hergetragen werden, so dass die dichte Eindringlichkeit eines Zwiegesprächs entsteht, die sich Herr Pastiz so bei Zeremonien und Beschwörungsritualen um
animistische Kultstätten vorstellt. Das Mädchen sitzt derweil in sich vertieft mit verschränkten Beinen auf dem Boden und entlockt ihren zwei kleinen Trommeln helle Klänge, welche die Obertöne der Trommelsymphonie bilden, während der junge mit üppiger Federpracht geschmückte Mann neben ihr sich ab und an von seinen Kalebassen trennt und mit einem mit Leder umwickelten Stock mit weit ausholender, kraftvoller Armbewegung auf die riesige, hängende Basstrommel schlägt, die nach dem Auftreffen des Klöppels auf das Fell ihren tiefen urtümlichen Klang wie zeitversetzt aus ihrem Bauch gebiert und die Erde in Wellen erzittern lässt. Vielstimmig erklingen nun die Gesänge aus den Kehlen aller Trommler; sie erheben sich höher und höher wie ein Schwarm grosser Vögel in die Dunkelheit des Nachthimmels, um in einem wuchtigen Finale plötzlich in sich zusammen zu fallen und in immer schwächer werdenden Wellen sich zu entfernen und wie ein leichter Schleier in der Luft endlich zu verblassen.
Das grelle Zirpen der Grillen dringt wieder an’s Ohr des Herrn Pastiz, er hört die Hunde bellen und all die Geräusche und Lieder der nächtlichen Geschöpfe, die keine Zuhörer brauchen. Gerne hätte er ein wenig mehr Licht gehabt, um die CD zu prüfen, die ein Händler ihm zum Kauf anbietet, aber er kann nur eben erkennen, dass es sich um ein Medium handelt, mehr nicht. Die Welt hat ihn wieder und auch die Vorsicht vor den Schlitzohren und vor all jenen, die keine sind und in der Dunkelheit der Nacht für solche gehalten werden. Er blickt zu Frau Motzle und sieht in ihren Augen ein kleines Glänzen, das nicht nur von der grossen Müdigkeit herrührt. „War’s nicht schön?“ fragt er. „Ja, es war schön!“ antwortet sie.
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Montag, 18. Januar 2010
pastiz am 18.Jan 10, 13:27 im Topic
Afrika
Mit dem Zettel in der Hand, worauf die nunmehr
erwärmte Nordische die Adresse des Franzosen mit Kontakt zu der lokalen Instrumentenmanufaktur aufgeschrieben hat, laufen Herr Pastiz und Frau Motzle suchend durch die Stadt. Sie überqueren den Gemüse- und Früchtemarkt, wo Bäuerinnen ihre Ware auf der Strasse ausgebreitet haben. Für solche Märkte hegt Herr Pastiz eine besondere Liebe, weil hier Farbigkeit der angebotenen Waren – besonders der Lebensmittel – ihn erfreuen und deren Vielfalt er nicht müde wird, zu bestaunen. Die Kunst, Nahrungsmittel – und seien diese noch so einfach – umsichtig und in guter Qualität herzustellen, diese schmackhaft zuzubereiten und geschmackvoll zu präsentieren, hält er für eine der grössten kulturellen Leistungen, die eine menschliche Gesellschaft hervorbringen kann. Nicht zuletzt freut er sich auch am Anblick der Menschen auf diesem Markt, wo die bunten Stoffe der Frauen mit den Farben der angebotenen Früchte und Gemüse im Wettstreit stehen, ungeachtet ihrer Armut und ihres sozialen Standes. Keine der am Strassenrand Kauernden, ob jung oder alt, die nicht in saubere und schön drapierte Stoffe gehüllt wäre, keine, die sich nicht wenigstens mit einem kleinen Ringchen im Ohr und einem bunten zum Kleid passenden Kopfputz geschmückt hätte. Selbst auf den Feldern, bei der harten Arbeit unter der glühenden Sonne tragen die meisten Frauen Kleider in leuchtenden Farben, die sie aus der Ferne aussehen lassen wie Blumen. Mit einem kleinen Seufzer denkt Herr Pastiz an seine Heimat, wo sich die Damen (und auch die Herren) vorzugsweise in „praktische“ blaue steingewaschene Beinkleider hüllen, die dereinst als Arbeitshose für Goldgräber, Soldaten und Kolonialisten des „gelobten“ Landes erfunden worden sind, und mit diesen „praktische“ Turnschuhe sowie „praktische“ T- oder auch Schweisshemden kombinieren und dem Ganzen mit einer „praktischen“ Frisur gleichsam noch die Krone aufsetzen. Soviel Elend aber nur am Rande.
Nach einiger Zeit des Sich-durch-fragens erreichen Herr Pastiz und Frau Motzle das gesuchte „Quartier“ [Viertel, Anmerkung der Redaktion], über welchem dumpfer Trommelklang wie eine Wolke liegt, dessen Quelle allerdings nicht eindeutig auszumachen ist, mit Fusswegen vorbei an einfachen flachen Häusern und an mit Gestrüpp überwucherten Grundstücken dazwischen, das sich dieses Mal auch bei näherem Hinsehen nichts als Hirse herausstellt, sondern einfach nur Gestrüpp ist. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen, aber Herr Pastiz vermutet, dass er und Frau Motzle von Duzenden von Augen entdeckt worden sind und alle ihre Bewegungen beobachtet werden. Nach einer Weile erblickt er vor einem der Häuschen im Staub spielende Kinder, während die Mutter daneben frisch gewaschene Wäsche an einer Leine aufhängt. Herr Pastiz geht auf die Frau zu, die ihm – ihre Arbeit unterbrechend – mit einer kleinen Misstrauensfalte über der Nase entgegen blickt. „Ah, vous cherchez les fous! Mon Dieu, on les entend toute la journée!“ [„Ah, ihr sucht die Verrückten, meine Güte man hört sie den ganzen Tag“, Anmerkung der Redaktion] antwortet sie kopfschüttelnd auf die Frage nach dem Wo, Woher und Wohin und weist mit der Hand in die Richtung, wo diese von der gesellschaftlichen Norm Abgefallenen zu finden seien. Mit ausgesuchter Freundlichkeit des Touristen bedanken sich die Europäer für die Auskunft und wenden sich wieder dem Trommelschlag zu, der nun deutlicher wird und Herrn Pastiz und Frau Motzle, die immer noch den Zettel mit der Adresse wie einen Kompass vor sich her trägt, an eine einfache Hütte mit einem Vordach führt, unter welchem ein junger Mann mit langem blondgelocktem Haar und bunt behosten Beinen vor einer dreiköpfigen Gruppe steht und Anweisungen gibt, wie die Djembe, die alle zwischen ihren Knien halten, zu schlagen sei. Dies muss „der Franzose“ sein, sagt Herr Pastiz zu Frau Motzle, die ihm widerspruchslos mit einem „sieht so aus!“ beipflichtet. Neben dem Franzosen lehnt ein junger schlaksiger Einheimischer [in steingewaschenem Beinkleid der Goldgräber!] lässig an der Hauswand und ergänzt den Unterricht ab und zu mit einem Kommentar oder einer kleinen Kostprobe seines Gewusst-Wie. Die Schüler sind ein Mädchen und zwei Jungs, alle um die Zwanzig und eifrig bei der Sache, so dass sie von den zwei Ankömmlingen – oder sind es gar Störenfriede? – kaum Notiz nehmen. Nur der Franzose bedeutet ihnen durch Handzeichen und einem Kopfnicken, sich doch noch ein Weilchen zu gedulden, bis die Lektion erteilt sei.
Als das Weilchen, das sich zuletzt als grosszügige halbe Stunde erweist, zu Ende ist, hat Herr Pastiz seiner Lebenserfahrung die elementare Erkenntnis hinzufügen dürfen, dass auch Westeuropäer bei gutem Willen die meist grosszügige afrikanische Auslegung des Begriffs „ein Weilchen“ adaptiert [eine Adaptation, die er dergestalt bisher nur bei Programmierern erlebt hat, Anmerkung der Redaktion]. Der Franzose zeigt sich freundlich kooperativ und übergibt die Trommelsuchenden sogleich in die fachkundigen Hände des so eben noch lässig an der Hauswand lehnenden jungen Mannes, den er ihnen als Koryphäe der Trommelkunst und allwissenden Beschaffer der dazu notwendigen Ausrüstung vorstellt. Dieser – sogleich Feuer und Flamme – nimmt Herrn Pastiz und Frau Motzle beim Arm und führt sie zu seiner Wohnstätte, unweit des Orts des Musikunterrichts, die zu erreichen allerdings ohne Anmietung eines Taxis [natürlich zu Lasten des pastiz’schen Reisebudgets, Anmerkung der Redaktion] einem europäischen Herzkreislauf kaum zumutbar sei, wie der Fachmann des Trommelschlags eindringlich erklärt. Herr Pastiz ist ihm für so bezeugte Fürsorglichkeit durchaus dankbar, denn er möchte seinem Palatin der Trommel nicht unnötigerweise die Verantwortung für seinen Zusammenbruch unter sengender Sonne Westafrikas aufbürden. Nach einer kaum mehr denn fünf Minuten dauernden Fahrt in einem klapprigen weissen Gefährt erreichen sie ein kleines Haus mit zwei Zimmern, über dessen weiss geflieste Böden zwei Legionen von kleinen roten Ameisen in jeweils vierspuriger Bahn allerlei Waren transportieren – von einer Ecke in die andere und wieder zurück. In dem einen Zimmer zeugt ein zerwühltes Bett von nicht allzu lange zurückliegendem Gebrauch, während im anderen Raum einige
Djembe in verschiedenen Stadien der Fertigung ihrer Käufer harren. Der Trommelexperte erklärt dem staunenden Herrn Pastiz, dessen Aufmerksamkeit immer wieder von den marschierenden Legionen der sechsbeinigen Logistiker zu seinen Füssen vereinnahmt wird, das Geheimnis einer guten Trommel, die aus dem Holz eines bestimmten Baumes aus der benachbarten Côte d’Ivoire sein und zuerst gewässert und danach wieder langsam getrocknet, sodann ausgehöhlt und durch Drechseln und Schnitzen in die richtige Form gebracht werden müsse. Anschliessend müsse eine geeignete Ziege gefunden und in’s Jenseits befördert und ihr das Fell über die Ohren gezogen und dieses fachkundig gegerbt und geschmeidig gemacht werden. Dann müsse mit Hilfe eines scharfen Messers die Haut von allen Haaren befreit werden, um zum Schluss von einem Meister des Trommelbaus fachkundig auf das Djembe aufgezogen und so gespannt werden, dass der schöne Klang ertönen könne. Alle Schritte werden Herrn Pastiz bis in’s Detail erklärt und es will ihm scheinen, dass jede weitere Ausführung den mutmasslichen Endpreis zu Ungunsten Herrn Pastiz’ beeinflusst, vermeint dieser doch nach jedem aufwändig geschilderten Produktionsschritt eine Kasse an seinem geistigen Innenohr klingeln zu hören. Nach einiger Fachsimpeleien – wobei die geschätzte Leserschaft um ein mildes Urteil darüber gebeten wird, bei welchem der Gesprächsteilnehmer das Fach und wo die Simpelei anzusiedeln sei – und anschliessendem Kleingerede beginnen die Preisverhandlungen, deren Ausgang sich entgegen der pastiz’schen Befürchtungen als nicht so hoffnungslos herausstellen. Bald schon ist zu allseitiger Zufriedenheit ein Preis ausgemacht und eine Zeitspanne von drei Tagen bis zur Auslieferung sowie der Ort der Übergabe festgesetzt. Nach ein wenig weiterem Kleingerede, umständlichem Adressenaustausch und anderen kleinen, aber wichtigen Massnahmen der Vertrauensbildung sind alle über den glücklichen Ausgang der Verhandlungen zufrieden und schütteln sich unter Beteuerung, dass Vereinbartes nach bestem Willen und Gewissen eingehalten werden solle, die Hände und scheiden in bestem Einvernehmen und unter Grüssen und Winken voneinander.
Epilog: Herr Pastiz wird drei Tage später zur ausgemachten Zeit in den Besitz eines wunderschönen Instruments und der Lieferant zu seinem Geld kommen. Die Trommel wird auf Grund ihrer Sperrigkeit die Rückfahrt im Minischnellbus zwischen den Knien Herrn Pastiz antreten, sehr zum Missfallen der fülligen Matrone, die sich auf den Sitz neben ihm quetschen wird. Allerdings wird ihr die Nähe zu Herrn Pastiz auch die Möglichkeit geben, ihre Nase in sein Reisetagebuch zu stecken, in welches er – die Trommel als Tisch benutzend – seine Erlebnisse aufzeichnen wird, und insbesondere die Zeichnungen lauthals als vollständig unzureichend und der Wirklichkeit widersprechend zu kommentieren. Herr Pastiz aber wird sie mit einem Lächeln, begleitet mit lakonischem Schulterzucken und dem landesüblichen „c’est comme ça!“ zum Schweigen bringen. Später auf dem Rückflug wird das braunbauchige Instrument auch keinen geeigneten Platz finden, weshalb Herr Pastiz kurzerhand entscheiden wird, dass dieses im Effektenschrank der Air France Flugbegleiterinnen zu fliegen hat und gleichzeitig deren hellblauen Mäntelchen und anderes zerknittern sollte; ein Umstand, der zu lautstarken Missfallensbekundungen führen und attraktive kleine Zornesfältchen auf die hübschen Gesichtchen zaubern wird. In der Heimat angekommen, wird der gewissenhafte Zollbeamte mit einer Lupe nach Schmarotzern und Krankheitserregern auf der Ziegenhaut und anderem im Bauch des Instruments suchen und diese Suche erfolglos beenden.
Heute dient sie mutmasslich dem Staub in einem Kellerraum als Ablagefläche, denn die Freundschaft, die sie eigentlich hätte bis in die nächste Ewigkeit festigen sollen, hat sich inzwischen infolge beruflicher, geografischer und anderer Veränderungen im Nebel der Vergangenheit aufgelöst.
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Freitag, 8. Januar 2010
pastiz am 08.Jan 10, 16:36 im Topic
Afrika
Die Hochzeit ist vorbei, wenigstens für Herrn Pastiz und Frau Motzle; E. sitzt derzeit sicher in der Obhut einer Handvoll uralter Frauen und arbeitet mit Hochdruck an ihrer Frauwerdung. Die Zeit, die sie dafür aufbringen muss, wollen Herr Pastiz und Frau Motzle zu einem Abstecher in den Südwesten des Landes nutzen, weshalb sie mit Hilfe C.s Fahrkarten nach
Bobo-Dioulasso erstehen, einer Provinzhauptstadt mit angenehmem Klima und musikalisch-rhythmischer Tradition und Berühmtheit. Dort, so plant Herr Pastiz, soll ein Djembe, eine mittelgrosse Trommel aus Holz, durch geschicktes Verhandeln zu einem guten Preis käuflich erstanden werden, welches er einem trommelnden Freund zum Geschenk zu machen gedenkt. Deshalb hat er sich bereits im Vorfeld überall nach dem geeigneten Vorgehen, dem mutmasslichen Preis und den Kriterien zur Prüfung der Qualität erkundigt und ist diesbezüglich bei K., der [bislang] unterkühlten Norwegerin und Zimmerzurverfügungstellerin fündig geworden. Sie habe erst kürzlich einen Franzosen kennen gelernt, der seinerseits einen Trommelbauer kenne, der bestimmt weiter wüsste. Sie sagt dies milde lächelnd und mit leicht zur Seite geneigtem Kopf und legt ihre Hand sanft auf Herrn Pastizens linken Unterarm, während ihre graublauen Augen leuchten, obwohl es taghell ist. Sollte dies bereits die ersten Anzeichen einer Klimaerwärmung sein, wundert sich dieser und verwirft diesen Gedanken als blanken Unsinn, der bei näherem Hinsehen im Kern – mindestens im übertragenen Sinn – eventuell doch zutreffen könnte; haben doch am Abend zuvor die lautstarken und nicht minder unmissverständlichen Akklamationsrufe hinter ihrer Schlafzimmertüre vom Aufbrechen des ewigen Eises gekündet. Wenig später ist Herr Pastiz, der sich aus Gründen der Diskretion auf die überdeckte Veranda vor dem Haus in die Gesellschaft von mindestens drei Millionen Stechmücken begeben hat, beinahe mit einem in Begleitung K.s aus dem Haus tretenden, stattlichen Afrikaner zusammengestossen, dessen überaus muskulöser Körperbau ihm – nunmehr gelb vor Neid – bis auf den heutigen Tag in Erinnerung geblieben ist. Soviel dazu nur am Rande.
C. wird in Kürze eintreffen, im Eilschritt und kleine Schweissperlen auf der Stirne tragend, um die beiden Trommelsuchenden zum Busbahnhof zu begleiten, wo sie einen Schnellminibus besteigen werden, der sie in rasender Geschwindigkeit durch die Brousse [Busch, Anmerkung der Redaktion] transportieren wird. Wenig später trägt sich dies genau so zu. Schnellminibusse sind die Luxusvariante im halböffentlichen Verkehr des Landes und werden in der Regel von Geschäftsleuten und Angehörigen der ziemlich dünnen Mittelschicht in Anspruch genommen; und dieser hier ist bis auf den letzten Platz ausgebucht. Nach einiger Diskussion zwischen einer Handvoll Einheimischer, die augenscheinlich Organisatoren, Platzanweiser, Fahrscheinabreisser, Gepäckstücke-auf-dem-Dach-Befestiger und ähnliches sind, und den Fahrgästen, haben letztere sich endlich auf ihren Sitzen eingerichtet. Der Platz, der dem einzelnen Fahrgast zusteht, ist ziemlich beschränkt, denn in dem Masse, wie die Mittelschicht dünn ist, sind deren Angehörige dick. Herr Pastiz sieht darin allerdings keinerlei Schwierigkeit, sind er selbst und auch Frau Motzle das, was Mitmenschen in der Heimat gemeinhin als „schmaler Wurf“ bezeichnen, und assoziiert mit der fülligen Masse insbesondere seiner weiblichen Mitpassagiere die im Fahrzeug fehlenden Airbags für den Fall eines Ungemachs auf der Landstrasse. Diese ist eigentlich recht belebt, von spielenden Kindern, Säcke und Feldwerkzeug schleppenden Bauern, Fahrrädern, Eseln und Karren, einigen Privatwagen und den berüchtigten öffentlichen Bussen und nicht weniger berüchtigten Lastwagen tummelt sich alles auf dem heissen Asphalt. Heiss ist es auch im Schnellminibus, der mit der grösst möglichen Geschwindigkeit allen Hindernissen in kurviger Fahrt ausweicht. An Herrn Pastizens Auge fliegt die falbe Landschaft vorbei. Flaches Land, ab und zu hohes Gestrüpp, ähnlich wie Schilf, das sich als Hirse kurz vor der Ernte herausstellt. In den kleinen Siedlungen entlang der Strasse sitzen Männer jeglichen Alters im Schatten beisammen und tun das, was sie am besten können; Frauen sind selten dabei, die sieht Herr Pastiz eher auf den Feldern, in gebückter Haltung und alle mit einem Kleinkind im Kreuz, von welchen jeweils nur der kleine Wuschelkopf zu sehen ist. Nach einer knappen Stunde beginnen die weiblichen Fahrgäste unruhig auf ihren Sitzen herumzurutschen und in einer gemeinsamen Anstrengung auf eine kurze Pause zu drängen, was besonders einem sich wichtig gebarenden Herrn mit vergoldetem Brillengestell höchst zuwider zu sein scheint, denn er protestiert lauthals gegen jeglichen Unterbruch, da Zeit Geld wäre und er einen wichtigen Termin wahrzunehmen hätte und sich die werten Damen doch ein wenig zusammennehmen könnten, bis man denn in zwei oder drei Stunden am Ziel angelangt sei. Da hat sich dieser wichtige Herr aber gewaltig in den Finger geschnitten, denn nun spürt er die geballte Kraft des fülligen afrikanischen Weibes, die sich in noch lauterem Gegenprotest ausdrückt und sich erdrückend sowohl gegen den bebrillten Herrn als auch auf den Fahrer richtet, der drohendes Ungemach ahnt und den Schnellminibus umgehend mit quietschenden Reifen am Strassenrand zum Stehen bringt. Auch Frau Motzle ist froh auf die Aussicht, ihre durch das Sich-Zusammennehmen schon arg verkrampften Oberschenkel endlich entspannen zu können und folgt der immer noch lauthals protestierenden Weiberschar ins Dickicht der westafrikanischen Brousse, derweil die Goldbrille ebenfalls dem Bus entspringt und seiner Wichtigkeit durch angestrengtes mobiles Telefonieren und steifbeinigem Hin- und Herstelzen Ausdruck verleiht. Nach kurzer Zeit tauchen die Frauen wieder aus dem schützenden Gebüsch auf, um sich unter dem langsam nun doch lästig werdenden Gedrängel der Goldbrille umständlich auf ihre Plätze zu begeben. Letzterer wird aber insofern abgestraft, als dass er von der gesamten anwesenden Weiblichkeit ausnahmslos ignoriert oder bestenfalls verspottet wird, und er mutmasslich zur Kenntnis nehmen muss, dass sich soeben Geschehenes ohne weiteres zu jedem Zeitpunkt wiederholen könnte, ohne dass er auch nur das Geringste dagegen tun könnte. Also beweist er das Vorhandensein eines Restbestands von Intelligenz damit, dass er seinen Mund hält, was allgemein und auch von Herrn Pastiz mit Befriedigung zur Kenntnis genommen wird. Der Fahrer schwingt sich nun auch hinter das Lenkrad und beschleunigt den Schnellminibus wieder auf die vorherige Geschwindigkeit, was der Goldbrille wiederum zu gefallen scheint. Aber bereits nach kurzer Zeit ist der Fahrer erneut zum Abbremsen gezwungen, hat sich doch ein kleiner Stau auf der Strasse gebildet. Alle Verkehrsteilnehmer, auch die Fussgänger, weichen in grossem Bogen einem irgend etwas auf dem Asphalt Liegendem aus. Herr Pastiz kann im ersten Moment nicht erkennen, um was es sich handelt und tippt mit europäischer Blauäugigkeit auf verlorene Ladung oder so etwas Ähnliches. Wie der Schnellminibus nun langsam einen weiten Bogen um das Etwas macht, entpuppt sich dieses bei näherem Zusehen als eine Leiche. Sie liegt auf dem Rücken mit weit abgespreizten Armen und Beinen mitten auf der Strasse, während der Verkehr um sie herum fliesst, als würde ein unsichtbarer Zaun sie vor dem Überrolltwerden schützen. Verständnislos blickt Herr Pastiz aus dem Schnellminibus und kann solcherlei nicht fassen. Die Strasse wird rege benützt und es sind bestimmt schon Hunderte von Menschen an dem Leblosen vorbei gezogen, ohne dass jemand in irgendeiner Weise eingegriffen hätte. Alle Passagiere des Schnellminibusses drehen sich auf ihren Sitzen um, um einen möglichst guten Blick auf das Unglück des toten Mannes auf der Strasse werfen zu können, so dass der Schnellminibus in arges Schaukeln gerät. Der Bebrillte hat bereits wieder ein verkniffenes Gesicht ob der neuerlichen Verzögerung, derweil die Frauen aufgeregt das Gesehene mit schrillen Stimmen kommentieren und den armen Mann, der so verlassen und tot da draussen liegt, in lautem Singsang bedauern. Aufklärung über diese Umstände wird Herr Pastiz und Frau Motzle später durch den Abbé erhalten [diesem wird eine eigene, mindestens endlos lange Geschichte gewidmet sein, die sich allerdings erst im pastiz’schen Kopf befindet, Anmerkung der Redaktion], der ihnen erklären wird, dass mangels eines Versicherungsschutzes oder eines allgemein gültigen Regelwerks selbst der Unfallverursacher so schnell als möglich das Weite sucht, um nicht in die Verantwortung genommen zu werden. Täte er dies nicht oder würde sich ein Vorübergehender um einen Verletzten oder gar Toten kümmern, würde er alle Haftung für das Geschehene übernehmen müssen und dies könnte leicht den wirtschaftliche Ruin einer ganzen Sippe nach sich ziehen. Er würde, ob nun Täter oder guter Samariter, das gesamte finanzielle Ungemach aller Angehörigen des Betreffenden zu tragen haben und selbst für Auslagen aufkommen müsse, die mit dem Unfall in keinerlei Beziehung stünden, wie etwa die Reparatur sämtlicher Dächer, unter welchen Familienangehörige wohnen; und bekanntlich sind afrikanische Familien sehr mitgliederreich und können in solchen Fällen sprunghaft noch zahlreicher werden und leicht die Einwohnerzahl einer mittleren europäischen Kleinstadt erlangen. Deshalb sei es nur ratsam, sich von Toten und Verletzten fern zu halten, auch wenn dies europäische Ohren und Gemüter als unmenschlich und grausam empfänden. Diese Rede schliesst er mit einem schalkhaften Lachen, „he, he, he“ und dem offenbar allerorts in diesem Lande üblichen „c’est comme ça“, begleitet von dem lakonischen Schulterzucken, um sich sogleich wieder fröhlicheren Dingen zuzuwenden und dem noch immer etwas betroffen wirkenden Herrn Pastiz einen Witz zu erzählen, über den sich, wie er versichert, halb Westafrika seit des Auftauchens des ersten motorisierten Verkehrs halbtot lacht. Es sei nämlich so, dass gewisse Schlitzohren sich ein Geschäft daraus machten, sich bei Verkehrsunfällen als nächste Verwandte des Geschädigten auszugeben und sich dabei eine goldene Nase zu verdienen suchten. So sei dereinst eine grosse Menschenmenge um das Opfer eines Verkehrsunfalls zusammengelaufen und ein Mann habe sich mittels Ellbogeneinsatz und lauten Rufen „Je suis un proche parent du victime, laissez-moi passer!“ [„ich bin ein naher Verwandter des Opfers, lassen Sie mich durch“, Anmerkung der Redaktion] durch die Menge gedrängelt, um dann unter dem allgemeinen Spottgelächter der Umstehenden festzustellen, dass das Opfer ein Esel ist.
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