Dienstag, 23. August 2016
Ich packte meine Sachen und belud das Motorrad. Tho und Carlos standen dabei und machten Gesichter, als verlören sie mit meinem Aufbruch einen Freund. Ihre offene Sympathie berührte mich sehr, als sie mir die Hand schüttelten und mich umarmten. Dann startete ich den Motor und rollte durch das offene Tor auf die Strasse hinaus, und es kam mir vor, als fiele hinter mir der Vorhang, um das Ende eines Akts in einem Stück mit nur einer einzigen Aufführung anzuzeigen, der niemals wieder erlebbar sein würde.
Das Dorf Pang Mapha an der 1095, mein Tagesziel, lag mit knapp 50 Km praktisch nur einen Steinwurf von Pai entfernt. Ich hatte mir dort, noch einmal einige Km von der Strasse entfernt, eine kleine Hütte mitten im Wald reserviert, wo ich ebenfalls einige Tage bleiben wollte, gleich in der Nähe der Tham Lot-Höhle.


Klick macht gross

Schon im Vorfeld freute ich mich auf ein Trekking in den Dschungel und die Völker, die dort leben, auf die riesige und offenbar spektakuläre Höhle, die – unter anderen – vom Gründer und Betreiber der Cave Lodge in den letzten 30 Jahren entdeckt und erforscht worden war. Eine davon soll sogar hölzerne Sarkophage enthalten, in welchen die Knochen von Angehörigen eines geheimnisvollen Volkes ruhen. Ich parkte das Motorrad erwartungsvoll vor dem grossen, offenen Haupthaus und schluckte schwer, als ich auf der obersten Stufe stehend in einen grossen, totenstillen, fast leeren Raum blickte, wo sich im hinteren Teil eine Art Rezeption und eine Küche ausmachen liessen. Zwei oder drei Leute sassen in verschiedenen Ecken des Raums. Dabei hatten sie – wie wenn sie es berechnet hätten – soviel Raum zwischen sich gelegt, wie auch immer möglich. Ihre Mobiltelefone und die dazu passende von Konzentration gefurchte Stirn gaben den Entfernungen zwischen ihnen die notwendige Legitimität, welche die Absurdität menschlichen Verhaltens wenigsten ein wenig überdecken konnte.


Die Hütten der Cave Lodge, Klick macht gross

Warum in aller Welt sassen diese Leute gemeinsam hier, beschäftigten sich nur mit sich selbst, wenn sie doch eine Hütte für sich hatten, die alle so an der leicht zum Fluss abfallenden Böschung gebaut waren, dass sie Privatsphäre boten. Ich fühlte mich auf einen Schlag unwohl. Es ist ja erst Nachmittag, sagte ich zu mir und, dass sich das am Abend bestimmt ändern würde und verbannte den ersten Eindruck in die hinterste Ecke meines Stammhirns. Die Hütte war klein und einfach, hatte alles, was ich brauchte und war zudem billig. Wenig später stellte sich heraus, dass auch das Gemeinschaftsbadehaus gleich einige Schritte neben meiner Hütte mir allein zur Verfügung stand, das Haupthaus ebenfalls, mindestens die meiste Zeit. Und so blieb es auch sowohl abends, als auch morgens beim Frühstück, wenn man von einer Britin in den Vierzigern am Nebentisch absah, mit der ich zögerlich und eher lustlos ein Gespräch begonnen hatte, nur um meinem aus der Verbannung zurückgekehrten Unwohlsein etwas entgegen zu setzen. Nicht dass ich diesen Schritt bereut hätte, aber – ich bin im Grunde doch eher ein Misanthrop – ich wünschte bereits nach kurzer Zeit, ich wäre nicht so erzwungen kommunikativ gewesen, denn ich konnte ihrem Schnellfeuersprech und ihrem Dialekt nur schwer folgen, und als eine kleine Pause entstand, machte ich mich davon, bevor sie ihr Trommelmagazin mit frischen Wörtern auffüllen konnte. Ich war froh, das Motorrad zu haben, denn es gab mir die Freiheit, der Situation zu entkommen und war in diesem Moment fast so etwas wie ein Fluchtfahrzeug.


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Der grösste Teil des Nordens war bereits abgeerntet. Die Reisfelder lagen graubraun unter einem bleifarbenen Himmel. Dort, wo noch Bäume standen, hatten viele von ihnen die Blätter abgeworfen, um die Trockenheit des Sommers zu überleben. Nur vereinzelt sah ich grüne Flecken, wo ein Rinnsal von einem Bach doch noch genügend Wasser führte, um Gemüse gedeihen zu lassen. Dort, wo noch etwas geerntet werden konnte, hing ein schwerer Geruch nach Knoblauch in der Luft. Es mussten Tonnen dieser aus der asiatischen Küche nicht wegzudenkenden Knolle sein, welche die Bauern in Gruppen bei einander kauernd aus der Erde gruben.


Die Knoblauchernte steht an, Klick macht gross


Hatte ich ein, zwei Wochen zuvor in Myanmar noch vergeblich versucht, einen dieser vielen grossen, in prächtigen Farben schillernden Schmetterlingen mit der Kamera einzufangen, so gelang es mir hier an einem kleinen Flüsschen, eine dieser kleineren Schönheiten beim Sonnenbaden zu erwischen, Klick macht gross

Ich fuhr die steilen Hügel hinauf und wieder hinunter, immer das gleiche Bild einer farblosen Landschaft unter einer gelblich-grauen Glocke aus Dunst und Rauch vor Augen, in welcher die umliegenden Berge nur noch schemenhaft zu erkennen waren.


Ein dichter Smog aus Dunst und Rauch von von Menschen gelegten Waldbränden, Klick macht gross


Novizen beim Kehren, Klick macht gross

Am späten Nachmittag machte ich kehrt und fuhr nach Pang Mapha zurück und nahm bei den am äusseren Rand des Dorfes stehenden Häusern die rechte anstatt die linke Abzweigung. Ich bemerkte meinen Irrtum, als ich an einem grossen ummauerten Gebäude vorbeikam, das ich nicht wiedererkannte. Ich hielt die Maschine an und wendete auf dem unbefestigten Vorplatz. Und da war ES! Ein Knubbel, eine Wurzel, ein hervorlugender Stein – ich streifte das Etwas mit der rechten Seite des Vorderrads, was dieses nach links ausschlagen und das Motorrad kippen liess. Mit einer lächerlichen Kraftaufwendung versuchte ich gegen das Gewicht der Maschine zu halten. Sch...., entfuhr es mir, ich muss mein linkes Bein in Sicherheit bringen, bevor die Mühle da drauf fällt. Ich liess das Motorrad los und sprang zur Seite. Da lag es nun, der linke Griff demoliert, der Rückspiegel verbogen, und es blieb so, auch wenn ich noch hundert Mal Sch... ausgerufen hätte. Ich muss die Maschine wieder auf die Räder stellen, sagte ich zu mir, was im Nachhinein gesehen weder eine intelligente noch die einzige Option gewesen war. Ich hätte mich um Hilfe umsehen können, ich hätte erkennen können, dass die Maschine auf einer schiefen Ebene lag, was eine noch grössere Kraftanstrengung nötig gemacht hätte, als mir überhaupt zur Verfügung steht. Aber nein, ich musste in die Hocke gehen, die Maschine am linken Griff und dem Sattel anpacken, um mit der Aufbietung aller meiner Kräfte - ohne sie um auch nur einen Millimeter anheben zu können - daran zu zerren. Der Schmerz traf mich wie ein Blitz in den Rücken, oberhalb der Hüfte. Er riss mir die Beine unter dem Körper förmlich weg und liess mich auf die Knie fallen. Jetzt lagen wir beide da, und ich denke, dass ich, wie ich so wie versonnen vor meinem Motorrad kniete, einen beinahe buddhistischen Anblick abgegeben hatte, bis der Moment vorüber war, den ich gebraucht hatte, um den Begriff Doppelsch.... formulieren zu können. Mühsam rappelte ich mich wie ein müder Greis aus meiner meditativen Haltung hoch, fand den stechenden, wie Feuer brennenden Schmerz überhaupt nicht so schlimm, wie mir Wirbelsäule und Hirn zu vermitteln suchten, und sah mich um. Ein Mann lehnte am Fenster eines etwa 30 Meter entfernten Hauses. Ich winkte, er winkte zurück und winkte immer noch, als ich bereits damit aufgehört hatte, bis ich bemerkte, dass er mich auf einen anderen Mann und auf eine Frau aufmerksam machen wollte, die sich mir vom grossen Gebäude her näherten. Ich wies den Mann mit einiger Gestikulierei auf mein Missgeschick hin und bat ihn um Hilfe. Er verstand zwar kein Englisch, aber sehr schnell mein Problem, packte die Maschine, stellte sie auf die Räder und ich tat so, als würde ich ihm dabei helfen. Ich bedankte mich, aber er hatte bereits wieder sein Bündel in der Hand, wandte sich um und ging leise sprechend mit seiner Frau davon. Dann begutachtete ich den Schaden: Beim Motorrad hielt er sich in Grenzen, und ich versuchte, mein rechtes Bein über den Sattel zu bekommen. Es ging. Ich atmete auf und dachte, doch nicht so schlimm...., fuhr den richtigen Weg zum Guesthouse, legte mich umständlich auf die kleine Bank vor der Hütte und begann George Orwells Tage in Burma zu lesen, welches ich 14 Tage zuvor in eben diesem Land gekauft hatte.
Wie schlimm doch nicht so schlimm.... sein kann, erfuhr ich im Laufe des einsamen Abends – ich hatte bereits erhebliche Schwierigkeiten zu gehen oder überhaupt eine schmerzfreie Stellung zu finden – als Cluster an meine linke Schläfe pochte und sich um das Auge zu schlingen begann. Ich kenne diesen Kerl nun bereits seit über 40 Jahren, aber muss der gerade JETZT auftauchen? Es, ich tat weh, oben, in der Mitte und unten, denn ich hatte mir am Nachmittag beim Fotografieren einen feinen, unsichtbaren Dorn eingetreten, der meine ohnehin schon jämmerlichen Gehversuche endgültig in's Groteske kippen liess, als ich vorsichtig in meine Hütte wankte. Ich blieb noch zwei Tage auf der kleinen Bank und zwei Nächte im Bett mit angewinkelten Beinen auf dem Rücken liegend, um irgendwann doch noch in einen kurzen Schlaf zu fallen. Am Trekking hatte ich nicht nur der drückenden Hitze wegen kein Interesse mehr, und die spektakuläre Höhle verkam auf meiner Neugierdeskala zu einem feuchten Loch in einem Fels, obwohl es von meiner Hütte nur ein kaum zehnminütiger Weg bis dahin war. Die Schmerzen, der Ärger über mein Missgeschick und der fehlende Schlaf machten mich mürrisch. Ich war froh, mich in der sirrenden Stille des dürren Waldes in meinem Roman verkriechen zu können. Als ich ihn ausgelesen hatte, beglich ich meine Rechnung, drehte dem Ort langsam und mühsam gehend den Rücken, ohne ihn auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen und verpasste auf diese Weise alles, was ich mir vorgenommen hatte.


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