Sonntag, 18. September 2016
Motorradfahren war das einzige, was ich noch ohne grosse Einschränkung machen konnte. Alles andere war Tortur, und es wurde von Tag zu Tag schlimmer. Aber ich wollte unter keinen Umständen aufgeben, alle Flüge umbuchen und dabei mein Gesicht und eine Menge Euros verlieren oder auf den Besuch unserer Freunde in Singapur verzichten.


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Also verbrachte ich soviel Zeit wie immer möglich im Sattel und auf der 1095 bis zu einer Abzweigung, von wo aus eine schmale Strasse in unendlich vielen Serpentinen nordwärts in die unwegsamen Berge führte, um einige Kilometer ausserhalb eines kleinen Kaffs am Schlagbaum zur Grenze zu Myanmar in eine ausgewaschene Sandpiste überzugehen, die sich wenige Meter dahinter im dichten Wald verlor. Schon auf dem Weg zu dem Kaff mit Namen Ban Rak Thai, wo heute die Nachfahren einer Kämpfergruppe der Kuomintang leben, die hier 1949 auf der Flucht vor der Roten Armee unter Mao Tsedong Unterschlupf gefunden hatte, war es offensichtlich, dass auch Tausende von Angehörigen verschiedener Ethien aus dem benachbarten Myanmar vor dem burmesischen Militär in diese Landstriche geflohen waren.


An der dick aufgetragenen Tanakapaste ist diese Krämerin als Angehörige einer Ethnie aus dem benachbarten Myanmar zu erkennen, denn nur in diesem Land wird dieses Naturkosmetikum verwendet, Klick macht gross

Ich erreichte das kleine, hübsch um einen künstlichen See gelegene Dorf gegen die Mittagszeit und bestellte in einem offenen Restaurant am Ufer eine überteuerte, grau-braune Hühnersuppe, in welcher Haut, Knochen und gräuliches Fleisch eines bedauernswerten Federviehs dümpelten. Ich zwang mich, einige Löffel davon zu schlucken, aber das Zeug schmeckte widerlich und war mit Sicherheit das Übelste, was ich je in Asien vorgesetzt bekommen habe.


Der Grenzübergang bei Ban Rak Thai zu Myanmar ist nur für Einheimische offen

Obwohl mir der Magen vor Hunger flau war – ich brachte, seit ich in meine missliche Lage gekommen war, kaum einen Bissen hinunter - liess ich die Schüssel stehen und versuchte statt dessen, den Missmut, der in meiner Kehle steckte, hinunterzuschlucken. Die Geschäfte, die sich entlang der Strasse um den See aneinander reihten, hatten grosse rote Plakate vor den Türen stehen, auf welchen in eben so grossen goldenen chinesischen Schriftzeichen für Kunsthandwerk, Olong Tee oder Kaffee geworben wurde. Eine absurde Pikanterie, wenn man bedenkt, dass sich die Hauptkundschaft der Nachfahren der Kuomintang aus den Nachfahren der Anhänger Maos zusammensetzt, und der so begehrte Olong Tee nicht mehr allein aus der Region stammt, sondern aus Taiwan importiert wird, der Geburtsstätte und Refugium der Kuomintang, dem erklärten Klassenfeind der VRC. Die Strassen aber waren wie leer gefegt, die Rotchinesen nach Hause gefahren, und eine lähmende Eintönigkeit schien an dem Ort und seinen Bewohnern zu kleben. Da kam mir der junge Mann im kleinen Coffee Shop beinahe vor wie eine Lichtgestalt, die mich daran erinnerte, dass nicht alles bleigrau sein musste, ein Farbton, mit welchem mir der Innere Schweinehund hämisch grinsend mehr und mehr das Gemüt verschmierte. In meinem Innern löste sich etwas, als ich während unseres Geplauders in seine offenen Augen blickte und sein nicht nur kommerzielles Interesse zu spüren glaubte. Vielleicht war das so, vielleicht auch nicht, aber es war mir gleichgültig. Er braute mir mit viel Hingabe einen Iced Americano, den ich auf einem wackligen Stuhl auf der ebenso wackligen kleinen Terrasse über dem See sitzend schlürfte.


Über dem Hügel rechts im Bild verläuft die Grenze zu Myanmar, Klick macht gross

Kleine grüne Wellen tanzten über den See. Ich schaute hinüber an’s gegenüberliegende Ufer, an welches sich die flachen Häuser schmiegten, und erinnerte mich daran, welch grosses Privileg ich eigentlich genoss, indem ich hier sitzen, ja überhaupt eine solche Reise machen konnte. Und nicht nur diese, habe ich doch schon einige Ecken der Welt besucht und weitere würden bestimmt noch dazu kommen. Es war mir in diesem Moment, als berührten meine Füsse seit langem wieder die Erde.
Hi, pastiz, hörte ich eine Stimme hinter meinem Rücken rufen. Ich wandte mich um. Sie gehörte dem Italiener, gross, schlank, mit schütterem blondem Haar, mit dem ich vor meiner Abfahrt von Pang Mapha einige Worte gewechselt hatte. Er war mit einer Yamaha Enduro unterwegs und hatte meine Maschine erkannt, die ich vor dem Coffee Shop geparkt hatte. Er war ein viel geübterer und deshalb auch schnellerer Fahrer als ich, und hätte auch einfach durchbrettern können. Aber er hielt, stieg ab, um sich eine Weile mit mir zu unterhalten. Es gibt Momente, die ihrer scheinbaren Bedeutungslosigkeit zum Trotz grossartig sind, und dieser Moment war ein solcher. Vielleicht war das so, vielleicht auch nicht, und wieder war es mir gleichgültig; ich malte mir die Welt schön – und für einmal war das gut so.


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Dann nahm ich Abschied vom Coffee Shop-Mann, rief dem Italiener See you again in Mae Hong Son hinterher und tuckerte die kurvenreiche Strecke zurück auf die 1095, die wenig später, als ich die unsichtbare Grenze von der Provinz Pai zur Provinz Mae Hong Son passierte, in die 108 übergeht.
Ich bezog einen hübschen Bungalow für 700 Baht in einem kleinen Hotel am See, wo ich viel Platz hatte und sogar in einem Swimming Pool planschen und in Liegestühlen fläzen konnte, so gut es eben ging.


Auch das kleine Städtchen Mae Hong Son ist um einen künstlichen See angelegt, wo neben günstigen bis mittelpreisigen Guesthouses auch die Wat Jong Klang und die Wat Jong Kham liegen, beide im burmesischen Shan-Stil erbaut, Klick macht gross

Ich hatte mich gerade eingerichtet und vor dem Bungalow in einen der Monobloc-Plastikstühle gesetzt, als ein grosser Kerl mit schwerem Schritt daher getrottet kam.
DAS kann nur ein Schweizer sein, schubladisierte mein Kopf, bevor ich überhaupt etwas denken konnte.
Hi, sprach ich ihn etwas überfreundlich an, What language do you speak?
English, a little Thai and Swiss German, gab er stramm zurück und musterte mich mit einem misstrauischen Zwinkern in den Augen, als er seinen Schlüssel im Schloss des Bungalows gleich neben dem meinen drehte. Wenig später erklärte er mir die Vorzüge und Funktionsweise verschiedener Gewehre, die er in seinem heimatlichen Schützenverein benutzte, und dass er seinen Mitgliederbeitrag doch entrichten wollte, obwohl er eine Ausbildung zum Lehrer für non native English speakers gemacht hätte und seine Lehrtätigkeit in drei Tagen an der lokalen Mittelschule aufnehmen wollte. Dann fügte er seiner Lebensgeschichte die Schilderung hinzu, wie er erst vor kurzem eine Chinesin flach gelegt hätte, aber auch die Thais nicht schlecht wären, man müsse sie nur früh genug von der Bettkante stossen, und dass er rechts der Mitte stehe. Ich hörte ihm sprachlos zu und fragte mich, ob ich nun ein guter Menschenbeobachter sei oder ob nur der Zufall meinem Vorurteil in die Hände gespielt hatte, war aber ziemlich erleichtert darüber, dass er mich nicht in Verlegenheit brachte und nach meinen erotischen Erfahrungen fragte, sondern weiterfuhr, von sich zu sprechen, bis er sein ganzes Leben vor mir ausgebreitet hatte – angefangen von seiner glücklichen Kindheit in der stiernackigen Innerschweiz bis hin zu seinen Hoffnungen für seine asiatische Zukunft als Respektsperson in extra dafür massgeschneiderten grauen Anzügen aus einem Gemisch aus Seide und feiner Wolle zu 500$ das Stück. Ich sah seine Nervosität unter seinem zur Schau getragenen Machismo durchschimmern wie blanke Haut unter einem fadenscheinig gewordenen Hemd.


Volkstänze und traditionelle Musik am Mae Hong Son Ethnic Festival, das gerade stattfand

Uns trennten Welten, und hätten sich unsere Wege auf heimatlichem Boden gekreuzt, wir hätten wohl kaum Notiz voneinander genommen, geschweige denn auch nur ein Wort gewechselt. Und doch verband uns mehr als nur der Umstand, dass wir zur selben Zeit am selben Ort waren. Denn hier, weit weg vom Kuhglockengebimmel und den von schneegekrönten Bergriesen eingefassten blaugrün glitzernden Seen war die Befindlichkeit eine andere. Beide standen wir unserer unmittelbaren Zukunft mit gemischten Gefühlen gegenüber, das war das eine, aber das andere, das Wichtigste war die gemeinsame Sprache, in der wir am Abend des folgenden Tages noch mit anderen hätten plaudern können, wenn der Innerschweizer, als die beiden französisch sprechenden Mädels am Nebentisch Platz genommen hatten, nicht ein knurriges SCHNECKENFRESSER! herausposaunt hätte. Als sie später aufbrachen, neigte sich die eine mit einem spöttischen Ausdruck zu unserem Tisch herüber und raunte uns etwas zu, an das ich mich nicht mehr erinnern kann. Es war Deutsch, in einem für Ungeübte schwer zu verstehenden Dialekt aus dem Oberwallis zwar, aber es war deutsch, und wir hatten es ebenso gut verstanden wie eine Ohrfeige. Wir schluckten den peinlichen Moment hinunter und gaben uns jovial, aber es wurmte mich, und im Rückblick wurmt es mich noch heute, denn als ich Mae Hong Son am nächsten Tag hinter mir liess, ahnte ich nicht, dass es über eine Woche dauern würde, bis ich wieder mit jemanden einpaar Worte würde wechseln können.


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