Dienstag, 7. Februar 2017
Ich kam dann doch noch nach Japan, sonst gäbe es diese Erzählung ja nicht. Tokyo Haneda empfing mich förmlich und unspektakulär; etwas später als geplant, aber es waren ja nur zwei oder drei Stunden. Ich ergab mich den strengen Einreisebestimmungen, liess ein Verbrecherfoto von mir machen, legte meine Hände in den Fingerabdruck-Scanner und kam mir danach irgendwie schuldig vor, trotz des Stempels im Pass, der mich als temporaly visitor auswies.
Während des Flugs hatte ich reichlich Gelegenheit, über diese Reise nachzudenken und ich kam zum Schluss, dass sie eine besondere, wenn nicht sogar eine einmalige Geschichte sein musste. Es war mir schon seit langem klar, wie wichtig es ist, ein gutes Verhältnis zu seinem Sohn zu haben. Aber der Gedanke, selbst Vater zu sein, bereitete mir vor dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrung manches Mal Kopfzerbrechen. Wie kann man wissen, was einen Vater ausmacht, wenn man selbst nie einen gesehen hat? Ich fand keine eindeutige Antwort darauf.
Misch nichts durcheinander, sagte Frau Motzle, deine Fragen sind nicht seine Fragen, er ist nicht du!
Sie hatte natürlich Recht, denn er zog vom Land in die grosse Stadt, kaum war er 16. In diesem Alter zerbrach ich mir den Kopf über der Frage, wer Ich ist und warum Ich in dieser Zeit und in diesem Körper steckte. Er machte seine Lehre. Ich schmiss die Schule. Er eckte so manches Mal an, ich tat nichts anderes, als gegen mich und die ganze Welt zu kämpfen. Er suchte meinen Rat und gab mir damit die Gelegenheit, das zu sein, was mir richtig erschien. Ich stellte Fragen, auf welche es keine Antworten gibt, und Rat bei Erwachsenen zu suchen – auf eine solche Idee wäre ich nie gekommen, wer auch hätte mir einen solchen geben wollen? Er sprang mit dem Fallschirm aus Tausenden von Metern in die Tiefe, ich nicht einmal vom Dreimeterbrett. Er fand seinen Weg, formte sich selbst und gab sich - abgeleitet von seinen Initialen - den Spitznamen M.A.D. Ich irrte umher und verplemperte meine Zeit mit Selbstzweifel, Hadern und einem Studium, das mir nichts brachte.
Und als mir die hübsche Sezuko, die wir in Kyoto trafen, in einem völlig anderen Kontext neckend ins Ohr raunte are you shure, that he is your son? freute ich mich, denn ich sah, dass der Apfel ziemlich weit vom Stamm gefallen war.


God damn, I´m a man! (Video zum Movember Shave-Off 2013)

Ich folgte dem Schild mit der Aufschrift 出口, was Ausgang bedeutet, wofür die Japaner die gleichen Zeichen benützen wie die Chinesen (es ist noch etwas von der Reise nach Yunnan hängengeblieben), stand aber bald ratlos vor einer Wand voller Fahrscheinautomaten. Dass das nichts bringen würde, wenn ich mich hier abmühte, sah ich sehr schnell ein und stellte mich in die Schlange vor den Schaltern auf der anderen Seite der Halle, wo vielleicht auch Fahrscheine für den Haneda Limousine Bus nach Tokyo Shinjuku zu kaufen waren.


Blick auf die Skyline von Tokyo Shinjuku in der Abenddämmerung vom Hikarie-Hochhaus in Tokyo Shibuya aus gesehen, Klick macht gross

Dann erlebte ich zum ersten Mal die japanische Höflichkeit: Ich fragte am Info-Schalter nach dem Weg zur Bushaltestelle und die Antwort war nicht einfach Gehen Sie dahin und dorthin, nein, die junge Dame verbeugte sich ausgiebig, lächelte ein so gekonnt charmantes Lächeln, dass ich es für echt hielt. Dann kam sie hinter dem Schalter hervor, um mich bis zum Fahrstuhl zu begleiten, der mich, wie sie mir unter weiterem Lächeln und Verbeugen versicherte, in weniger als einem Augenblick direkt vor den bald zu erwartenden Bus führen würde.



Eine Stunde später fand ich mich inmitten einer hektischen Menschenmenge auf einer breiten Strasse mit viel Feierabendverkehr und konnte mein Hotel nicht finden, das maximal 10 Minuten Fussweg von meinem Standort entfernt liegen musste, auch mit Hilfe meines neuen Smartphones nicht, das ich bisher in dieser Weise noch nie benutzt hatte. Auch das würde ein markanter Unterschied zwischen Paps und M.A.D. sein: Ich immer noch am Fummeln und er ich habs!, aber über das jeweilige Ziel waren wir uns ausnahmslos immer einig.
Ich fand das Hotel mit Hilfe eines Mannes, der Geld für die Opfer des Atombombenabwurfs sammelte (ja, es gibt immer noch viele, die unter den Spätfolgen leiden) und ich fand auch meinen Sohn, der schon am Vortag angereist war.
Das grösste Abenteuer des Ganzen war für mich herauszufinden, ob wir das überhaupt schaffen, drei Wochen lang 24 Stunden zusammen zu verbringen, schrieb er mir später, als unsere gemeinsame Zeit abgelaufen war. Und das Abenteuer begann in einem ziemlich kleinen Hotelzimmer, das von einem auch nicht besonders grossen Doppelbett beinahe restlos ausgefüllt wurde, und in dem Vater und Sohn gemeinsam schnarchten, als hätten sie das schon seit immer getan.


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