Ich träume, sehe mich selbst in einem Haus. Es ist gross, ohne Eingang noch Ausgang und es ist leer. Ich weiss nicht, wie ich hierher gekommen bin oder warum. Ziel- und orientierungslos irre ich durch einsame Gänge, blicke durch offen stehende Türen in zahllose Zimmer, sehe keine Menschenseele, begegne niemandem. Von Zeit zu Zeit höre ich das Rauschen von Wasser, das aus einem Hahn fliesst. Da und dort steht in einem Zimmer ein kleiner Tisch mit einer noch qualmenden Zigarette in einem Aschenbecher. Aber es ist niemand da. Ich fühle mich leer und taub, spüre nichts als den Klumpen im Magen. Wo bin ich? Wo sind all die anderen? Wohin soll ich meine Schritte lenken, welchen Weg einschlagen? Ich weiss es nicht. Ich bin verloren.
Du solltest das tun, sagte Frau Motzle sanft, als ich von meiner Absicht erzählte, im Anschluss an unsere gemeinsame Reise durch Myanmar auf eigene Faust weiter ziehen zu wollen.
Alleine, murmelte ich vor mich hin, während allein der Gedanke daran, meinen Weg durch Flughäfen, Millionenstädte und menschenleere Landschaften ohne die Jeanne d'Arc meines Lebens finden zu müssen, Übelkeit in mir aufsteigen liess. Wohl war ich bereits alleine gereist, aber das ist lange her und war mehr eine Flucht vor Schule und der erdrückenden Fürsorglichkeit meiner Mutter als eine Reise und daher ohne Bedeutung. Und die Jahre zwischen diesen zwei jugendlichen Ausbrüchen, die mich als Sechzehnjährigen durch einen Teil Westeuropas geführt hatten, und heute haben mir reichlich Gelegenheit gegeben, mancherlei diffuse Phobien nicht nur zu entwickeln, sondern auch zu hegen und zu pflegen. Aber mit diesen – wenigstens mit einigen – soll jetzt Schluss sein, so sagte ich zu meinem Inneren Schweinehund, der nicht aufhören wollte, mir Szenen aus meinem Traum in Schwarz-Weiss vor mein geistiges Auge zu malen.
Einige Zeit später und nach der Erkenntnis, dass es heute (noch) keine Möglichkeit gibt, von Myanmar auf dem Landweg in's benachbarte Laos zu gelangen, liess ich diesen ersten Plan fallen.
Auch den zweiten, nämlich auf der Old Burma Road nach Muse zu fahren und dort die Grenze nach Ruili in der chinesischen Provinz Yunnan zu überqueren, liess ich fallen, denn ich wollte Frau Motzle am Ende unserer gemeinsamen Reise durch Myanmar, die nach unseren Plänen im Norden in Lashio enden sollte, nicht alleine nach Yangon zurückfahren lassen.


Quelle: http://www.stepmap.de/landkarte/old-burma-road-1260424

Die Argumentation des Inneren Schweinehunds war gut, aber im Kern doch faul. Wollte ich nicht eher das Auf-mich-alleine-Gestelltsein noch etwas hinausschieben? Ganz bestimmt war es so, denn die Old Burma Road hätte ich schon seit langem einmal befahren wollen. Gesagt habe ich allerdings, dass ich noch so viel gemeinsame Zeit erleben möchte wie immer möglich, denn immerhin waren Frau Motzle und ich seit über zwanzig Jahren noch nie als höchstens einige Tage getrennt gewesen. Sei's drum, in diesem Fall war das Reiseland nicht das Ziel. Es hätte irgendein Land sein können, denn es ging darum, den Inneren Schweinehund zum Schweigen zu bringen und den Traum auszulöschen.



Dann dachte ich eine Ewigkeit zurück, als ich in Leder und Stiefeln ging, den harten Kerl mimte und ein dickes Motorrad fuhr. Warum machen wir nicht eine Motorradtour im Norden Thailands, wo einige der schönsten Strecken weltweit auf die harten Kerle und ein wenig auch auf die anderen warten, schlug ich meinem Inneren Schweinehund vor, der sich augenblicklich unter diesem Ansinnen zu winden begann wie ein Wurm, hunderttausend Gründe dagegen fand, die mir kalte Schauer den Rücken hinab schiessen liessen und den Schlaf raubten.



Nun hatte ich mir die Suppe eingebrockt und ich war den schlaflosen Nächten zum Trotz wild entschlossen, sie auch auszulöffeln, und diese Suppe trägt einen Namen: MAE HONG SON LOOP, eine DER Motorradstrecken, die alles - vom passionierten Motorradfahrer bis zum Ich-miet-mir-mal-nen-Scooter-Touristen - von überall her anzieht. Das Herz begann mir in der Brust zu pochen, als ich die Reiseberichte las, die Fotos sah und mir die Strecke auf G*gl* Maps bis in’s Detail anschaute: Kurve reiht sich da an Kurve, 1864 sollen es sein, nur von Chiang Mai bis Mae Hong Son.


Quelle: http://www.gt-rider.com/

Zum ersten Mal seit ewig begann ich eine Reise von A bis Z selbst vorzubereiten. Das klingt nach viel, war es aber nicht, sondern bestand in der Hauptsache darin, den Flug von Yangon nach Chiang Mai und daselbst ein Guesthouse zu buchen, die ungefähre Route und die Stopps festzulegen, das Motorrad und eine Bambushütte acht Km ausserhalb von Pang Mapha, einem kleinen Kaff im nordthailändischen Nirgendwo sowie den Rückflug von Bangkok nach Singapur zu reservieren, wo ich zum Abschluss noch Freunde besuchen wollte. Und doch beschäftigte mich die Vorbereitung einige Wochen, während welchen mir der Innere Schweinehund unaufhörlich in's Ohr raunte und flüsterte: Wie willst DU das bewerkstelligen, der du nicht einmal eine Karte richtig lesen kannst? Motorrad? Dass ich nicht lache. Du hast deine Mühle mit 29 verkauft, jetzt bist du 62 und in den Jahren dazwischen hattest du bestenfalls ein Fahrrad unter deinem Hintern. Wie ging das nun 'mal? Mit der rechten Hand Gas wegnehmen, mit der Linken die Kupplung ziehen und mit dem linken Fuss schalten. Was wirst du tun, wenn du abends im Guesthouse sitzt und der einzige über 25 bist. 24 Stunden können lang sein, hast du daran schon gedacht?



Ich landete am frühen Nachmittag am Chiang Mai International Airport. Klar, war alles gut gegangen. Ich hatte am Tag zuvor Frau Motzle auf ihren Flieger begleitet und sie in die Arme geschlossen, bevor sie hinter Sicherheitsabsperrung verschwand.
Du schaffst das, sagte sie zum Abschied.
Ja, hatte ich geantwortet und war zu meinem eigenen Erstaunen gelassen geblieben.
Zurück im Guesthouse war mir erst bewusst geworden, dass ich jetzt vor dieser Suppe sass, die auszulöffeln ich mir geschworen hatte. Am langen Gemeinschaftstisch sassen zwei endlos kichernde chinesische Mädchen, ein junges französisches Paar, das sich nur flüsternd unterhielt und dann verschwand, einige weitere junge Chinesen lagen schweigend in den Sesseln daneben und fummelten an ihren Smartphones herum. Ich beschloss, dies nicht als ein Omen zu nehmen und machte mich auf nach Chinatown in der 19. Strasse, wo ich inmitten des lauten Trubels ein hot sweet and sour chicken genoss, wie ich es noch nie gegessen hatte.


Chinatown in Yangon (Klick macht gross)

Ich hatte mir eine kurze Liste der Dinge gemacht, die ich gleich nach dem Bezug des Guesthouses erledigen wollte:
SIM-Karte kaufen (bekommt man in jedem 7/Eleven, einer thailändischen Supermarktkette, die dem König gehören soll)
Zum Motorradladen gehen (Mr.Mechanic)
GT-Rider Mae Hong Son Loop Map kaufen (bekommt man in jeder Buchhandlung für 300 Baht)
Die Frage nach der Art des Motorrads, auf welchem ich reiten wollte, hatte ich mir im Vorfeld schnell beantwortet: Es sollte ein wenig Saft haben, kein dirt bike, sondern ein cruiser sein.
Noch ein Wort zur Planung: Erst als ich mich auf den Weg zum Motorradladen machte, bemerkte ich dass, dieser in der gleichen Strasse wie mein Guesthouse liegt. Aber wie ich vor dem Laden stand, überkamen mich einige Zweifel, ob diese Wahl die richtige war. Ein Mädchen lag träge über dem Schreibtisch. Nein es sei jetzt niemand da ausser ihr, sagte sie dumpf als erwache sie so eben aus einer dreiwöchigen Narkose. Aber ich könne die Phantom testen, wenn ich wollte. Ja, ich wollte. Nach einer halben Stunde kam ein Kerl mit einer Rostmühle daher, die so ganz und gar nicht nach dem aussah, was die Internetseite versprochen hatte.
OK, here it is, you can try it, sagte das Mädchen.


Die Honda Phantom TA 200cc, die für zwei Wochen unter meinem Hintern vibrieren sollte, auch rostig, aber nicht ganz so wie die Testmaschine

Ich schluckte leer. Eigentlich dachte ich, die Maschine irgendwo in einem Hinterhof, Parkplatz oder wenigstens einer ruhigen Seitenstrasse ausprobieren zu können. Aber da war nichts dergleichen, nur die viel befahrene Moon Muang Road, die um’s historische Zentrum führt. Verdammt, pastiz, cool bleiben, schwing dich in den Sattel, mach‘ einfach und denk‘ daran, hier wird links gefahren, sagte ich zu mir, schauspielerte DEN KERL und stieg auf: Kupplung ziehen, Maschine starten, Gang einlegen, ein Blick zurück auf den Verkehr und losfahren.
Ich hörte das Blut in meinen Ohren rauschen, das sich mit dem tiefen Brummen des Motors zu der Musik verband, welcher ich vor vielen Jahren gelauscht hatte. Halt‘ die Schnauze, Schweinehund! - Es ist noch alles da!

zum nächsten Halt Der Auftakt


Permalink  | 2 Kommentare  | kommentieren

sturmfrau am 03.Jun 16, 19:51  | Permalink
Ich wusste gar nicht, dass so viel Schweinehund im Spiel war.

Unsereine profitiert ja immer in erster Linie davon, wenn Sie auf Reisen gehen. Sie beschenken einen im Nachhinein mit Fotos und Texten, die berühren. Jetzt kommt's mir vor als hätten Sie noch eine zusätzliche Dimension hinzugefügt, und das stimmt ja auch. Reisen in die Ferne plus Reisen nach Innen. Ich bin gespannt, mehr zu lesen.

Vielen Dank jetzt schon.
pastiz am 03.Jun 16, 21:05  | Permalink
Ja, der hat mich zu lange und zu oft in Schach gehalten, allerdings dauerte es seine Zeit, bis ich ihm die Stirn bieten konnte. Meine Solowanderungen im letzten Sommer und Herbst waren quasi die einleitenden "Massnahmen" dazu. Wir werden sehen, ob und wie weit ich den Schweinehund tatsächlich habe zurückdrängen können.
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