Die breite Strasse war leicht zu fahren und doch fühlte ich, wie sie an meinen Kräften zehrte, als ich nach etwa 20 km bei einem Kaffeehaus anhielt und mir einen grossen Becher Iced Americano durch die Kehle rinnen liess. Der Kopf rauschte mir vom Fahrtwind, obwohl ich kaum mehr als 60-70 kmh fuhr (ich konnte die Geschwindigkeit bloss schätzen, denn der Tacho verabschiedete sich noch auf Stadtgebiet) und die Konzentration auf Strasse und Verkehr liess mich ein wenig schwanken, als ich vom Motorrad stieg.


Strecke von Chiang Mai nach Mai Malai, Klick macht gross

Aber ich begann mich gut zu fühlen, ja, ich verspürte sogar einen kleinen Moment so eine Art Triumph, denn der Innere Schweinehund, der sich mir mit seinem Zaudern und Zögern, dem Argwohn, dem Spott und dem ewigen das kannst du nicht viele Wochen immer wieder in den Weg gestellt hatte, hielt sich still.
Nach knapp 35 Km Fahrt erreichte ich die Abzweigung auf die 1095, eine gute zweispurige Strasse, die eine so glatte Oberfläche aufwies, dass ich oft glaubte, sie wäre nass, und die bald in die Höhe zu steigen begann.



Strecke von Mai Malai durch die Berge nach Pai, Klick macht gross

Erst viel später wurde mir bewusst, dass ich kein einziges Foto von diesem aufregendsten Teil der gesamten Strecke gemacht hatte. Im Nachhinein bereute ich es, die GoPro meines Sohnes nicht ausgeliehen zu haben. Abgesehen davon, dass ich vor lauter Konzentration auf das, was vor mir und hinter mir passierte, das Dokumentieren völlig vergass, war es auch nicht wirklich möglich, an den interessanten Stellen anzuhalten, weil da nichts war, was nur annähernd gerade oder eben war. Eine Haarnadelkurve reihte sich an die nächste. Die Steigung besonders in den Linkskurven war ziemlich beeindruckend, selbst wenn man noch die früheren Passfahrten in den Alpen im Hinterkopf mitführte, und ich war froh, eine Maschine unter mir zu haben, welche dadurch nicht zu beeindrucken war. Und es begann mir zu gefallen, am Scheitelpunkt der Kurve wieder Gas zu geben und die Kräfte zu spüren, die mich in der Spur hielten und gleichzeitig weiter hinauf in die Berge katapultierten.


Wo es nicht mehr ganz so steil war oder ich hatte mich inzwischen daran gewöhnt: Zwischen Ban Rak Thai an der Grenze zu Myanmar und Mae Hong Son

Und doch blieben die Ampeln in meinem Hinterkopf ständig auf rot, wo auch die Erinnerung an die beiden Stürze von früher, die mich über den Asphalt hatten schliddern lassen, so lebhaft war, als hätte ich sie erst einen Tag zuvor erlebt. Gut ausgebaut war die Strasse durchaus, aber die Fahrbahn hielt immer wieder Überraschungen bereit: Breite Risse, Buckel, Senken, Löcher, Sand und Schlangen oder andere Tiere, die plötzlich auftauchen konnten. Einmal bemerkte ich eine etwa einen Meter lange Schlange gerade noch im letzten Moment, um ihr ausweichen zu können, die sich bei meinem Herannahen so erschrak, dass sie sich mit der vorderen Hälfte des Körpers in einer Art Vollbremsung aufrichtete, während ihre hintere Körperhälfte immer noch vorwärts drängte, was das arme Tier so komisch aussehen liess, als wäre es eine Figur aus einem Zeichentrickfilm. Aber es gab auch andere Verkehrsteilnehmer, nicht sehr viele, dafür aber sehr verwegen fahrende Einheimische auf Mopeds und in oft hoffnungslos überladenen Pick-ups, die in meinem Rückspiegel mit einer unglaublichen Geschwindigkeit von einer Spielzeug- bis zur ihrer wahren Grösse heranwuchsen und an mir vorbeirauschten, als gäbe es kein Morgen. Da hiess es auf den Seitenstreifen ausweichen, der genau dafür überhaupt gebaut worden zu sein schien. Wie schon seit langem nicht mehr war ich in meinem Tun so gefangen, dass ich jegliches Zeitgefühl verloren hatte und dennoch kam ich nicht auf die Idee, auf die Uhr an meinem linken Handgelenk zu schauen, als ich bei einem kleinen Kaffeehaus am Strassenrand hielt. Ein junger Mann sprang mit einem betretenen Lächeln von seiner Liege hoch, von wo aus er auf einen kleinen Fernseher gestarrt hatte.
Sawadee khap, sagte ich zum Gruss und deutete auf die moderne Kaffeemaschine, die auf dem Tresen stand.
„An americano, hot, please“, fügte ich den einzigen Worten in meinem Thai-Wortschatz hinzu und legte meinen Helm und die Jacke auf einen Stuhl. Es waren noch zwei andere Gäste da, zwei Männer im mittleren Alter, und tranken Bier. Über ihren Schultern trugen sie beide einen breiten Lederriemen, an welchem eine Machete in der Scheide baumelte. Sie beachteten mich kaum. Als sie kurz danach aufstanden und auf ihr Moped stiegen, nickte mir einer der beiden zu, wohl des mutmasslichen Kampfhahns mit dem prächtigen Gefieders wegen, den er stolz in einem Korb mit sich führte.
Nach insgesamt 762 Kurven (so die offizielle Zählung) und 149 Km erreichte ich am späten Nachmittag Pai, wo sich vor Jahren Aussteiger, vornehmlich aus den USA und Japan angesiedelt hatten, um in Eintracht mit der Natur und von ihr zu leben.


Beim Mor Paeng Wasserfall nordwestlich von Pai, wo die Bauernfrauen dem Touristen Smokey, smokey, marijuana hinterherbrüllen

Viel hat der boomende Massentourismus nicht von der Hippiekultur übriggelassen. Bars und Restaurants, Hotels und Guesthouses reihen sich heute aneinander, wo glatthäutige Jugendliche und von Krampfadern geplagte junge Alte in sauberen Betten unter Klimageräten anstatt auf Pritschen oder in Hängematten schlafen, an eisgekühlten bunten Drinks anstatt an Joints nuckeln und die heute ohne Zweifel weitaus bessere thailändische Küche als damals geniessen. Alles fein und rein, bewacht von einer halben Armee von Polizisten, die hinter jedem Gebüsch auf der Lauer zu liegen schienen.


Umgebung von Pai, wo zu dieser Jahreszeit das Land unter einer gleissenden Sonne verbrennt und die Sicht auf ein Minimum beschränkt ist durch den Rauch der vielen kleinen und grossen Brände, die gelegt werden, um Felder abzubrennen und dem Unterholz in den wieder aufgeforsteten (Industrie-)Wäldern Herr zu werden, Klick macht gross

Und dennoch scheint den Alt-Hippies der Nachwuchs nicht auszugehen, aber ob es sich bei den Jungen in den weiten bestickten Hosen, den Wickelröcken, Häkelbikinis und Dreadlocks um den eigenen Nachwuchs handelt oder um neuen Zulauf, konnte ich nicht ausmachen. Ohnehin verschwanden diese abenteuerlichen Gestalten – falls man sie überhaupt zu Gesicht bekam - fast vollständig im zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr so dichten Strom von Chinesen, Amerikanern, Koreanern und Europäern, die abends frisch geduscht und parfümiert durch die Stände am Night Market flanierten. Ich kam mir vor wie vom anderen Stern, war weder frisch geduscht noch parfümiert, dafür vom Helmtragen ziemlich zerzaust und in Kleider gehüllt, die nichts mit Summer Time oder irgendetwas hippster-mässigem zu tun hatten, was vielleicht der Grund dafür gewesen sein mag, dass mich eine junge Französin für einen der Echten hielt und mir in ihrem durchaus charmanten Franco-Englisch die Ohren vollpumpte mit Fragen nach einem Shop (bei ihr klang es etwa wie Schobbö), den sie nicht mehr finden konnte.


Der Pai Canyon einige Km südlich von Pai ist ein beliebter Ort, um den Sonnenuntergang zu geniessen, Klick macht gross


Noch einmal ein Franzose, den ich auf dem Soziussitz zum Pai Canyon und zurück in’s Dorf mitgenommen hatte, und der ein schönes Motiv abgab, Klick macht gross

Ich hatte mich für ein kleines Guesthouse in einer schmalen Seitengasse beim südlichen Dorfeingang entschieden, wo ich der einzige Gast war, wenn man von Carlo absah, der Brasilianer und Aussteiger war und wenigstens vorübergehend und in einer unbestimmten Konstellation zur Pächterfamilie gehörte. Es war alles ein wenig improvisiert, unaufgeräumt ohne aber dreckig zu sein, spontan und unprofessionell. Es gefiel mir gut bei Tho und seiner Familie, die mich so herzlich empfingen, als wäre ich ein alter Freund zu Besuch, und allesamt erstaunt waren, dass mir ihr Guesthouse überhaupt bekannt war - es war in meinem Loose aufgeführt, was sie mit noch grösseren Augen zur Kenntnis nahmen - und sich nur vage daran erinnern konnten, dass im Jahr davor jemand da war, der vielleicht einer der abgebildeten Autoren hätte gewesen sein können. Ja, ich sonnte mich ein bisschen in ihrer Bewunderung, dass ein alter Mann auf einem Motorrad dahergekommen war und sich mit dem zufrieden gab, was sie zu bieten hatten. Aber so wenig wie man hätte glauben können, war das dennoch nicht. Ich hatte ein grosses Zimmer mit einem Klimagerät, ein riesiges Bett und das Gemeinschaftsbadezimmer für mich alleine.
I quit my job, sold everything and came here, to live without money or anything, sagte Carlo mit gepresster Stimme und reichte mir die Tüte herüber, die wir gemeinsam in Rauch aufgehen liessen, nachdem der Eigner des Guesthouses – ein Polizist – nach seiner allabendlichen Visite wieder abgezogen war. Erinnerungen an meine eigene Jugend kamen mir während des Gesprächs so lebhaft hoch, als trennten mich keine vierzig Jahre von ihr. Was war übriggeblieben nach diesen Jahrzehnten des Sesselfurzens, die meine damaligen Träume zu einem grossen Nichts erodiert hatten? Wie würden junge Leute wie Carlos oder auch Antoine, dem ich in Yunnan begegnet war, in vierzig Jahren sein? Ich fragte nicht danach, wie er sich selbst sähe, wenn er mein Alter erreicht haben würde. Träume sind die Flügel der jungen Jahre, warum sollte ich sie ihm beschneiden?
Ich blieb drei Tage an dem Ort; erkundete ihn in alle Richtungen. Ich hatte meinen Plan entgegen aller absurder und irrationaler Ängste zum Trotz umgesetzt, was von aussen betrachtet zwar nichts Aufregendes war, mir aber die inneren Krämpfe genommen hatte. Obwohl die Reisezeit nicht gerade die beste war und ich seit meinem Aufbruch mit kaum jemanden ein Wort gewechselt hatte, beschloss ich, dass alles gut war. Dann aber geschah etwas, eine Bagatelle eigentlich, geboren aus der Unachtsamkeit und alles wurde anders.

zum nächsten Halt Dumm gelaufen reicht noch nicht


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terra40 am 30.Jul 16, 21:40  | Permalink
Lieber Herr pastiz,
* wieder eine schön spannende Erzählung!
* ich freue mich schon auf die kommende Bagatelle ...
Gruß, Terra
pastiz am 10.Aug 16, 19:15  | Permalink
Aber, lieber Herr Terra, ich muss Sie warnen, denn DIESE Bagatelle war bei weitem nicht so schön, wie diejenigen, die Sie zu schreiben pflegen, sondern ziemlich doof. Aber urteilen Sie selbst, wenn ich soweit bin.
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